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Pakete, Plastiktulpen und Port Hills: Unsere ersten Tage im neuen Haus

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Pakete, Plastiktulpen und Port Hills: Unsere ersten Tage im neuen Haus

Erstmal frohe Ostern ans andere Ende der Welt!

Letzte Woche wurden endlich unsere Sachen geliefert. Alles aus Thomas’ und meinem Haus kam per Schiff in einem großen Überseecontainer. Im Hafen wurde dann aufgeteilt: Thomas’ Hälfte in einen kleineren Container, meine Hälfte auch. Zwei Haushalte, einmal um die halbe Welt gereist – und jetzt wieder vereint. Thomas hatte an dem Tag Präsenz-Vorlesungen an der Uni und meinte nur trocken:
„Die Handwerker kommandierst du auch alleine rum.“ Ich: „Jepp – und schaue dabei muskulösen Männern bei der harten Arbeit zu 😉“

Also: ab zum Haus – Treffpunkt 8:30 Uhr. Zuerst kamen die vier Packer mit Thomas’ Sachen. Unsere Zufahrt ist etwa 100 Meter lang, relativ schmal und wird am Anfang von einem großen, schönen Baum überspannt – fast wie ein natürlicher Tunnel. Ich hatte das dem Speditionsunternehmen natürlich zwei Wochen vorher gemeldet, wie gewünscht. Nur leider: Der LKW war zu hoch. Die Männer haben es wirklich versucht – der große Ast hat auch einmal kurz verdächtig geknackt – aber nein, es ging einfach nicht. Die Enttäuschung war ihnen deutlich anzusehen. Denn damit war klar: Alles muss einzeln getragen werden. 100 Meter. Bergab. Der Capo stellte mich mit den Packlisten in die Garage. Jede Kiste und jedes Möbelstück hatte eine Nummer, und ich sollte ansagen, wo alles hinkommt: Garage, Living Room, Dining, Bath, Floor, Bedroom usw. Er baute mir kurzerhand ein kleines Podest in die Garagenecke – mein persönlicher „Kommandostand“. Und los ging’s.

Ein Packer nach dem anderen kam an und rief mir schon im Laufen Nummern zu. Ich blätterte hektisch durch die 20 Seiten Liste (mit jeweils etwa 20 Nummern pro Seite), suchte die richtige Nummer und rief zurück: „Living Room!“ – „Garage!“ – „Master Bedroom!“ Die Reihenfolge war völlig durcheinander – erst die 2, dann die 58, dann die 180…

Zuerst kamen die schweren Metallkisten aus Thomas’ Garage: drei große Gitterboxen, jeweils etwa 1 m³ groß, voll mit Werkzeug. Zum Glück hatte Thomas seinen Hubwagen mitgenommen – sonst wäre das ein echtes Krafttraining geworden. Die Packer wunderten sich über so viel Werkzeug und fragten, was mein Mann denn so arbeitet. Ich erklärte, dass das nur ein kleiner Teil seiner Werkstatt sei, die er von seinem Ex-Schwiegervater übernommen hatte, und dass er die großen Maschinen wie Ständerbohrmaschine oder Drehbank seinem Sohn in Deutschland überlassen hat. Und dann: „Das ist übrigens nur ein Hobby – eigentlich hat er einen Bürojob.“

Also standen bald Tischsäge, Kabeltrommeln („kann man immer brauchen“ – laut Thomas), Bohrmaschinen, Wasserwaagen und Co. ordentlich in der Garage. Dann kamen die zwei Biertische mit den passenden Bänken. Die brauchen wir erstmal als Esstisch-Ersatz, bis wir uns später etwas Passendes kaufen. Beim Reintragen fragte mich einer der Packer, ob Thomas den Tisch selbst gebaut hätte. Ich war kurz irritiert – bis mir klar wurde, dass hier vermutlich niemand diese typischen Bierzeltgarnituren kennt. Ich erklärte es ihm und fragte: „Do you know the Oktoberfest in Munich?“ Sein Gesicht hellte sich sofort auf: „Sure!“ Das Oktoberfest kennt wirklich jeder 😊

Als nächstes kamen Thomas’ Musikinstrumente und danach sperrige Teile aus seinem Tonstudio: Mikrofonständer, Vorverstärker usw. Ich kommentierte trocken: „Another hobby of my husband – please put it into the garage.“

Um die 100 Meter nicht ständig laufen zu müssen, luden sie so viele Kisten wie möglich auf einmal. Ich stand unten in meinem Garageneck vor meinem „Befehls-Pult“ und beobachtete, wie oben einer der Packer den Hubwagen mit 3×3 Kisten belud und oben drauf noch lose sperrige Teile legte. Dann ging’s los – erstmal relativ steil bergab. Klonk. Das erste Teil fiel runter. Das zweite drohte zu folgen – wurde aber gerade noch aufgefangen. Gleichzeitig wollte der Hubwagen eine eigene Richtung einschlagen… Ich stand unten und konnte kaum hinsehen. Zum Glück eilten die anderen zur Hilfe.

Danach spielte sich alles gut ein. Die Beladung wurde angepasst, die Wege optimiert – und wir wurden ein richtig gutes Team. Wenn jemand mit vier gestapelten Kisten ankam, lief ich ihm entgegen und rief im Schnelldurchlauf: „First and second living room, third garage, last one master bedroom!“

Zur Kaffeepause holte ich schnell fünf Flat Whites und Plundergebäck im Café ums Eck. Die Baristas kannten mich schon von vorherigen Besuchen, freuten sich, dass ich für die Packer Kaffee holte, legten noch ein Croissant obendrauf und hießen mich herzlich willkommen als neue Nachbarin. Die Packer waren total begeistert – offenbar nicht selbstverständlich.

Dann ging’s weiter: Schallplatten – mehrere Kisten beschriftet mit „Records Thomas Living Room“, gefolgt von unzähligen Elektronik-Kisten. Ich: „That are all the small electronic parts from Thomas – all in the garage please.“ Der Packer grinst: „Let me guess… another hobby of your husband?“ Ich: „Yeah – you got it!“

Dann kam der zweite Container mit meinen Sachen. Inzwischen hatten die Jungs einen kleinen Transporter organisiert, mit dem sie unter dem Baum durchkamen. Also oben umladen, runterfahren, ausladen – und wieder: Nummer, Ansage, Go. In einer Pause meinte ich scherzhaft, dass sie sich das Fitnessstudio sparen könnten. Daraus entstand eine herrlich bildhafte Diskussion. Einer meinte, er gehe nicht wegen des Sports ins Studio, sondern wegen der Frauen. Ein anderer ergänzte, man könne gar nicht wegschauen, wenn direkt vor einem eine schöne Frau ihre Squats macht. Und der Dritte stellte fest, dass in den Boden schauen beim Gewichtheben auch keine gute Idee sei. Einigkeit: Sie haben gar keine andere Wahl, als hinzusehen 😄 Ich fand’s herrlich, wie locker die Stimmung geworden war.

Mein Klavier war dann noch ein echtes Highlight: auf Rollwagen den Hang hinunter, drei Männer voll beschäftigt. Unten angekommen rief ich: „Foto für den Blog – bitte lächeln!“ Antwort: „Lächeln ist nicht so wichtig – wichtiger ist, dass meine Muskeln drauf sind!“ Ich: „Klar – ich kann ja gar nicht wegsehen 😉“

Am Ende des Tages war alles drin. Die Betten konnten aufgebaut werden, aber bei Couch und Wohnzimmerregal fehlten Schrauben und Füße. Wir hoffen, dass die noch irgendwo in den Kisten auftauchen.

Ran ans Einräumen und Dekorieren!

Beim Öffnen der Kisten wurde ich plötzlich ganz ruhig. Da waren sie – kleine banale Dinge die Heimweh in mir hervorriefen: der rote Seier-Schöpflöffel von meiner Mama, das Bild, das mir meine Oma zum füften Geburtstag gemalt hat, die Fensterkristalle, die auch hier auf der anderen Seite der Welt das Licht der Sonne einfangen und in tausend Farben brechen und die uralten Karl-May-Bücher meines Uropas aus Luxemburg – in alter deutscher Schrift, mit eingelegten vergilbten Zeitungsartikeln über den Ku-Klux-Klan, über Präsidenten der USA und deren Umgang mit dem indigenen Volk. Beim Durchsehen schweiften meine Gedanken ab…

Mein Uropa lebte in einem Haus am Hang, mit Blick ins Tal. Durch die fast bodentiefen Fenster im Wohnzimmer konnte man den Zug beobachten, wie er sich durchs Tal schlängelte. Diese Vorliebe für Hanghäuser wurde weitergegeben: an den Vater meines Papas, an meinen Papa… Und schließlich an mich.

Mein Haus in Deutschland war natürlich auch ein Haus am Hang – mit Südwest-Ausrichtung und… ratet mal… mit einem Zug, der durchs Tal fuhr. Früher waren die Züge vielleicht noch schöner anzusehen – mit einer schnaufenden Dampflok – dafür sind sie heute wesentlich leiser. Mein Papa war jedenfalls richtig stolz, dass seine Tochter die Wildgen’sche Tradition weiterführt – und von der Wohnzimmercouch aus wieder einen Zug durchs Tal fahren sieht. Wie der Uropa aus Luxemburg, von dem die Karl-May-Bücher stammen.

Und jetzt? Am anderen Ende der Welt? Unsere Kriterien für das Mietshaus: am liebsten Hanglage, diesmal mit Nord-West-Ausrichtung (Südhalbkugel!), in der Schulzone der Kinder, großer Essbereich und möglichst Blick ins Grüne. Wir hatten Glück – alles erfüllt. Und wenn man abends auf dem Sofa sitzt, sieht man sogar ein paar Lichter der Stadt. Thomas meinte bei einem Glas Rotwein und schöner Musik: „Und wir sehen ihn zwar nicht – aber wir wissen, dass da unten durch die Stadt ein Zug fährt.“ 😊

Leider hat mich am Umzugstag ein neuseeländischer Virus erwischt. Fünf Tage komplett außer Gefecht. Thomas und Marie waren schon vorher dran – jetzt ich. Und das ausgerechnet dann, wenn ich einräumen und dekorieren will! Ungeduld ist mein zweiter Vorname. Aber nichts ging – bei der kleinsten Anstrengung war ich k.o. und musste zurück ins Bett, Tee trinken und „Schwitzkasten spielen“.

Inzwischen haben wir es uns aber richtig gemütlich gemacht – und irgendwann sind sogar die lange vermissten Füße der Couch wieder aufgetaucht. Stück für Stück hat alles seinen Platz gefunden. Möbel aus zwei Häusern stehen nun in neuen Kombinationen zusammen, manches ganz anders als früher – und trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) fühlt es sich erstaunlich stimmig an. Aus vielen einzelnen Dingen ist langsam ein gemeinsames Zuhause geworden.

Und während ich also krank im Bett lag, begann für die Kinder ganz nebenbei schon der neue Alltag. Am Montag gingen sie das erste Mal mit Thomas vom neuen Haus aus zur Schule. Es gäbe zwar auch einen Schulbus, aber die Buskarten hatten wir noch nicht organisiert – also hieß es: zu Fuß. Etwa 25 Minuten, mit rund 180 Höhenmetern. Morgens bergab ist das ja noch ganz entspannt. Am Nachmittag kamen sie den gleichen Weg wieder zurück an einem richtig sonnigen Tag. Ferdinand kam völlig verschwitzt zur Tür herein, schaute mich an und meinte: „Ich schwitze mehr als beim Mountainbiken hoch nach Pregasina!“ Pregasina – ein kleines Bergdorf etwa 450 Meter über dem Gardasee. Die legendäre jährliche Frühstücksfahrt dorthin, während unseres Pfingsurlaubes, hat sich bei ihm offenbar eingebrannt 😉

Und überhaupt: Diese Gegend hier weckt immer wieder Erinnerungen an südliche Landschaften. Die Port Hills liegen auf etwa 400 Metern über dem Meer, und wenn man die Passstraße, an der wir jetzt wohnen, noch ein paar Höhenmeter weiter hinauffährt, schlängelt sie sich durch eine malerische Landschaft. Zwischen großen Kiefern, deren harziger Duft in der Luft liegt, stehen vereinzelt Palmen und mediterran wirkende Sträucher – eine ungewöhnliche, aber sofort vertraute Mischung. Oben angekommen erreicht man die Passhöhe, von der aus es wieder hinunter Richtung Süden zur Governors Bay auf der Banks Peninsula geht. Ganz oben liegt das kleine Café „Sign of the Kiwi“. Von hier oben ist der Blick beeindruckend: auf der einen Seite die Südalpen, auf der anderen das schimmernde Meer der Bucht. Es wirkt ein bisschen wie eine Mischung aus klaren Herbsttagen in Südtirol und dem Blick von der „Strada de Ponale“ aufs Wasser am Gardasee – nur mit dem Unterschied, dass wir dieses Panorama jetzt direkt von unserem Haus aus erreichen können. Nach etwa 30 Minuten Radfahrt stehen wir mitten in dieser Umgebung und genießen den Ausblick – frisch, ruhig, unaufgeregt und ohne den touristischen Trubel wie am Gardasee zu Pfingsten.

Und nächsten Freitag steht schon die Einweihungsparty und meine nachträgliche Geburtstagsfeier an. Knapp 40 Gäste sind eingeladen – etwa zur Hälfte deutsch-, zur Hälfte englischsprachig – und rund die Hälfte hat schon zugesagt. Das Datum ist wegen der Osterferien nicht ideal, aber leider ging es nicht anders.

Osterfrühstück an den provisorisch zusammengeschraubten Biertischen – weiße Tischdecke drauf, und plötzlich verschwindet das Oktoberfestfeeling, obwohl hier in Neuseeland der April eigentlich Oktober ist. Und die Tulpen auf dem Tisch? Fake. Ich habe sie aus Deutschland mitgebracht, weil sie sich in einem Strauß mit Palmkätzchen-Zweigen gut machen – und kein Austausch-Gefummel nötig ist, da Plastik ja nicht welkt. An den Zweigen hängen die handbemalten Ostereier meiner Tante Cornelia. Jetzt steht der Strauß hier in Neuseeland: Plastik-Tulpen im Herbst, Cornelias Eier dazu und ein paar Zweige aus dem Garten, die weder Weidenkätzchen sind noch kurz vor dem Knospen stehen – aber ein bisschen von der gewohnten Osterstimmung bringen sie trotzdem mit. Ich sag mal so: Ich brauche noch ein bisschen, um mich umzustellen 😉

Anbei noch ein paar Eindrücke vom Haus.

Euch allen schöne Osterfeiertage – und an meine Verwandtschaft: morgen eine schöne Osterwanderung!

Liebe Grüße aus Christchurch

P.S.: Ich wurde neulich gefragt, wie Ostern hier eigentlich gefeiert wird… tja, ich stecke noch mitten in der Feldforschung, aber so viel kann ich schon sagen: Die Feiertage an sich sind ähnlich, aber gefühlt nutzen die meisten die freie Zeit für Roadtrips – einmal quer über die Südinsel, kurz rüber auf die Nordinsel oder gleich weiter nach Australien. Was mir allerdings direkt aufgefallen ist: Die Auswahl an Schokoeiern wirkt deutlich… sagen wir mal „überschaubar“ im Vergleich zu Deutschland. Und ich habe mich ernsthaft gefragt: Falls es hier überhaupt Eierlikör-Eier gäbe – müsste man dann beim Kauf auch erst wieder den Chef zur Kasse bitten? Alkohol ist schließlich Alkohol, und da wird hier normalerweise ganz genau hingeschaut. Wobei: Ein bisschen Kontrolle würde mir ja nichts ausmachen, wenn dafür ab und zu mal jemand nach meinem Ausweis fragen würde… 😉 Immerhin habe ich in einem Prospekt ziemlich witzige Osterkostüme für Kinder entdeckt. Vielleicht ist das einfach die neuseeländische Antwort auf den fehlenden Karneval.

4 thoughts on “Pakete, Plastiktulpen und Port Hills: Unsere ersten Tage im neuen Haus”

  1. Hallo Vroni und Thomas,
    immer wieder lesen wir Eure neuen Blogs mit Freude. Wusste gar nicht daß Du so schön erzählen kannst!
    Ihr habt ja jetzt Euer Traumhaus gefunden mit einem traumhaften Ausblick, fast so schön wie unserer in den Bayerischen Wald!
    Haltet uns unbedingt auf dem Laufenden, wenn es Neuigkeiten aus Kiwiland gibt.

    Liebe Grüße
    Sandra und Thomas

  2. Hallo Vroni mit Familie, du hast es wieder geschafft so beeindruckend zu schreiben . Da kommen bei mir ja Urlaubsgefühle zustande. Theresa hat mich schon gefragt ob wir da mal in den Urlaub hinfliegen könnten das wäre doch was . Ihr fehlt auch
    Theres. Diese Kommentare mit den tollen Bildern sind sehr wertvoll für uns.

    Liebe Grüße von unserem Steinbuckel aus
    Christiane und Theresa

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