Unser Container ist da – Ein Gänsehautmoment im Hafen von Lyttelton
Am Mittwoch war es endlich so weit: Unser ganzes Leben, verpackt in Umzugskartons oder Unmengen von Knallfolie, erreichte neuseeländischen Boden. Wir wollten natürlich live dabei sein, wenn unser Schiff in den Hafen von Lyttelton einfährt.
Der Schiffs-Newsticker prophezeite die Ankunft für 9:00 Uhr. Also hieß es um 8:00 Uhr: Kids in die Schule verabschieden, eifrig hinterherwinken, die Hände zum Herz formen, Bussi, Tür zu – und ab ins Auto!
Ein kurzer Check der App bremste unseren Tatendrang jedoch kurz: Thomas sah, dass das Schiff noch im offenen Meer auf Warteposition lag. Die Hafeneinfahrt von Lyttelton ist ein Nadelöhr – immer nur ein großes Schiff kann gleichzeitig durch die Fahrrinne fahren. Entweder muss erst eines hinaus oder ein anderes befindet sich noch in der Einfahrt.
Also beschlossen wir, zum Godley Head zu fahren. Von dort wollten wir unser Schiff auf dem Meer entdecken und es anschließend entlang der Küstenstraße bis in den Hafen begleiten.
Oben am Gipfel angekommen, war unser Dampfer am Horizont nur als winziger Punkt zu erkennen. Wir hatten also Zeit – und nutzten sie, um die historischen Verteidigungsanlagen zu erkunden.
Hintergrund: Godley Head im Zweiten Weltkrieg
Die Bunker und Kanonenstellungen wurden während des Zweiten Weltkriegs errichtet, nachdem der Angriff auf Pearl Harbor auch in Neuseeland die Angst vor einer möglichen japanischen Invasion verstärkte. Der Hafen von Lyttelton war strategisch enorm wichtig für die Versorgung der Südinsel – deshalb wurde hier eine Küstenverteidigungsanlage gebaut.
Heute sind die runden Betonstellungen ein echtes Highlight. Lokale Künstler haben sie wunderschön und respektvoll bemalt – ein beeindruckender Mix aus Geschichte und moderner Kunst.
Besonders berührt haben mich die Geschichten der Frauen vom Women’s Auxiliary Army Corps, die hier stationiert waren. Sie arbeiteten an Radaranlagen, bedienten Scheinwerfer und unterstützten die Verteidigungssysteme – Aufgaben, die zuvor ausschließlich Männern vorbehalten waren. Ihr Einsatz zeigte eindrucksvoll, dass Frauen diese technischen und verantwortungsvollen Aufgaben genauso gut meistern konnten. Das veränderte nach dem Krieg nachhaltig das Rollenbild von Frauen in der neuseeländischen Gesellschaft und war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung.
Plötzlich kam Bewegung ins Spiel: Das Schiff nahm Fahrt auf!
In diesem Moment kamen zwei Männer am Aussichtspunkt an. Ich dachte, das sind bestimmt auch Leute, die ihren Container bei der Einfahrt beobachten wollen, aber nein. Nach dem üblichen „How are you?“ erzählten wir stolz, warum wir hier standen.
Die Reaktion war herrlich neuseeländisch:
„Wow, that’s amazing! Your whole life is coming in after three months at sea – wow, that’s so cool!“
Es stellte sich heraus, dass die beiden vom DOC (Department of Conservation) waren und nach dem Rechten sahen. Sie erzählten uns auch, wie sehr die bemalten Bunker hier respektiert werden: In all den Jahren sei es nie vorgekommen, dass jemand die Graffite-Kunstwerke übersprüht oder beschädigt habe. Der Respekt vor dem Kunstwerk und der Geschichte dieses Ortes sitzt bei den Kiwis tief. Und es war wirklich schön zu sehen, wie sehr sie sich mit uns freuten.
Da das Schiff noch warten musste, bis die kleinen Schlepper eintrafen, beschlossen wir zum nächsten Aussichtspunkt weiterzufahren – dort war es außerdem etwas windgeschützter.
Kaum waren wir auf dem Parkplatz angekommen, begegneten wir zwei weiteren Männern. Wir erzählten wieder kurz unsere Geschichte. Einer von ihnen wechselte plötzlich ins Deutsche:
„Ah, Deutschland! Da habe ich zwei Jahre in der Nähe von Nürnberg studiert – eine tolle Zeit!“
Thomas grinste: „Du warst in Altdorf, oder?“
Der Kiwi schaute völlig verblüfft: „Woher weißt du das?!“
Thomas lachte: „Wir haben dich genau hier letztes Jahr im Urlaub getroffen – und du hast uns das erzählt!“
Die Welt ist wirklich klein. Oder Neuseeland ist einfach ein magischer Ort.
Er erzählte uns, dass er mit seiner Frau in dem kleinen Haus dort oben wohnt und wir doch unbedingt mal auf einen Kaffee vorbeikommen sollen. Das werden wir ganz sicher tun!
Kurz darauf gingen wir zurück zum Auto, um uns aufzuwärmen – und genau in diesem Moment rief meine Schwester Steffi an. Während wir gemütlich plauderten, saß sie abends in München auf dem Sofa, während ich hier am anderen Ende der Welt vormittags im Auto auf einer windigen Klippe saß und auf unser Containerschiff wartete.
Plötzlich riss Thomas die Autotür auf:
„Vroni, komm raus – das Schiff kommt gleich ums Eck!“
Ich sprang aus dem Auto, das Handy noch am Ohr, startete die Kamera und lief den kleinen Pfad zur Kurve hinauf. Und da war es: Der Koloss kam langsam um die Ecke, majestätisch geleitet von zwei kleinen Schleppern.
Meine Schwester war live dabei – München und Neuseeland gleichzeitig.
Dann ging alles ganz schnell: Wir sprangen wieder ins Auto und fuhren die kurvige Straße entlang, die parallel zur Hafeneinfahrt am Hang verläuft. Obwohl wir einige Umwege und Kurven mehr hatten als das Schiff auf dem Wasser, schafften wir es tatsächlich, noch vor ihm am nächsten Aussichtspunkt kurz vor dem Hafen anzukommen.
Während wir Fotos machten und filmten, wurde ich plötzlich ganz still.
In einem dieser Container sind u.a. unser geliebtes Sofa, die Kaffeemaschine, der Plattenspieler – und Ferdinands vier Kisten voller Lego und vieles mehr.
Ich bekam feuchte Augen. Sind das schon die Wechseljahre, bin ich zu emotional? Oder einfach die überwältigende Realität, dass unser ganzes Hab und Gut einmal um die halbe Welt geschippert ist und nun genau vor unseren Augen hier ankommt?
Nachdem das Schiff mithilfe der beiden Boote – eines zog, eines drückte – sicher im Hafen eingeparkt und sich die modernen Kranwagen in Stellung gebracht haben, wandten wir uns noch einer kleinen Oldtimer-Gruppe zu, die kurz zuvor auf dem Parkplatz Halt gemacht hatte. Ein schöner Kontrast: Moderne Logistik trifft auf alte Klassiker.
Ich schickte einem Freund, der selbst Oldtimer fährt, ein Foto davon. Seine Antwort:
„Ui, so schöne Autos, nur das Lenkrad ist auf der falschen Seite.“
Nach dieser Empfangstour, die den ganzen Vormittag gedauert hatte, fanden wir: Jetzt haben wir uns ein schönes Mittagessen im Hafen verdient. Thomas grinste: „Jetzt ist Zeit für eine Seafood Chowder!“
In etwa einer Woche wird der Container vor unser Mietshaus geliefert. Dann sehen wir, ob alles heil angekommen ist. Drückt uns die Daumen!
Sinne berauschen auf dem Riccarton Bush Market
Samstagmorgen, 20 Grad und strahlender Sonnenschein – ein perfekter Vormittag, um endlich einmal auf den Riccarton Bush Market zu gehen, der uns schon öfter von Freunden empfohlen wurde.
Also: „Marie, Ferdinand – aufstehen, anziehen, wir gehen auf den Markt!“
Die Teenager-Reaktion war erwartbar verhalten: „Muss das sein? Können wir nicht hierbleiben?“
Wir wollten nicht lange diskutieren, deswegen war unsere Antwort: „Klar, bleibt ruhig da – dann bleibt mehr für uns. Tschüss!“
Liebe Kinder, der nächste Abschnitt ist vor allem für euch:
Ich dachte ehrlich gesagt, es wäre ein ganz normaler Markt. Ein bisschen Obst, Gemüse, ein paar Stände. Aber weit gefehlt – ich war komplett geflasht. Der Markt liegt mitten in einem uralten Park. Ein kleines Flüsschen schlängelt sich durch das Gelände, gesäumt von gigantischen, majestätischen Bäumen und liebevoll angelegten Blumenbeeten. Die Herbstsonne glitzert durch das dichte Blätterdach.
Kinder balancieren auf Baumstämmen, die über das Wasser ragen, während im Hintergrund sanfte Akustikmusik spielt. Und überall dieser Duft: frisch gebackene Waffeln, dampfende Dumplings, brutzelnder Speck. Hier gibt es keine „Bitte nicht auf den Rasen“-Schilder wie in den Parkanlagen von Singapur. Man setzt sich einfach mit seiner Picknickdecke auf die Wiese, ans Flussufer oder irgendwo unter einen Baum.
Wir starteten mit einem echten Chai Latte – nicht dieser Instant-Kram, sondern stundenlang mit schwarzem Tee, Milch und Gewürzen wie Zimt und Kardamom in großen Töpfen gekocht. Dazu eine warme Kirschtasche.
Dann kam der ultimative Stopp bei den „Bacon Bros“: Ein Sauerteig-Ciabatta, auf dem Grill in Specksoße angebraten und gefüllt mit Avocado, Reiberdatschi, BBQ-Sauce und knusprigem Speck. Während wir auf unser Essen warteten, lauschten wir zwei Musikern unter einem riesigen Eukalyptusbaum. Mit unserer Beute setzten wir uns ans Ufer des Baches, beobachteten die Aale im Wasser und genossen einfach das Leben.
Zum Schluss kauften wir noch frisches Brot, Gemüse und Marmelade für zuhause – und schickten den Kindern natürlich ein paar Fotos mit der Nachricht: „Ihr habt wirklich was verpasst.“
Über den Dächern und neue Freundschaften
Der Samstag endete so schön, wie er begonnen hatte. Am Nachmittag besichtigten wir zum Spaß noch ein Haus und schauten anschließend bei Freunden vorbei, die gerade mitten in einer Renovierung stecken. Perfektes Timing für uns – denn vor ihrem Haus stand ein großes Baugerüst.
Mit einem kühlen Hazy Ale in der Hand kletterten wir nach oben und genossen den fantastischen Blick über den Westmorland Park. Interessant, daß hier in Christchurch, zumindest in diesem Park, nur etwa 20 % der Bäume im Winter ihre Blätter verlieren. Der Rest bleibt grün – eine Mischung aus Nadelbäumen, Palmen und immergrünen Laubbäumen. Ein schöner Gedanke für die kommende kalte Jahreszeit.
Der Abend hielt dann noch ein persönliches Highlight für mich bereit. Am Wochenende zuvor hatte ich bei Freunden Barbara kennengelernt – und schon wurde ich zu ihrer Geburtstagsfeier in eine schicke Rooftop-Cocktailbar eingeladen. Also: Kappe runter, schick gemacht und ab in die Stadt.
Wir waren insgesamt sieben Frauen. Zwei davon kannte ich vorher noch nicht – aber nach diesem Abend schon deutlich besser. Es wurde viel gelacht, angestoßen und erzählt. Und das Beste: Der nächste Abend ist schon geplant – diesmal erst Cocktails und danach Tanzen in einem Club gehen.
Und zum Abschluss noch ein paar Eindrücke von unserer heutigen Sonntags-Wanderung – nochmal von Lyttelton zum Godley Head, aber bei besserem Wetter.
Bis bald und sonnige Grüße von der Südhalbkugel!
Liebe Vroni mit Family, ihr schreibt so schön und die tollen Bilder dazu . Ich kann mir gut vorstellen
wie aufregend es war als ihr das große Frachtschiff mit eurem ganzen Hab und Gut ankommen habt sehen können.
Es ist alles für euch und auch für uns so aufregend und spannend und auch für uns toll dass wir alles so mitverfolgen können. Ich freue mich immer wenn ihr uns immer die neuesten Nachrichten mitteilt. Thomas hat letztmals so einen interessanten Beitrag geschickt. Es ist als würde ich ein Buch lesen wo man nicht mehr aufhören kann weil es einem so fesselt. Macht weiter so , dann seid ihr gar nicht so weit von uns entfernt. Ich drücke euch ganz fest.
Lb,Gr Tantchen Christiane