Refresh loader

Etwas Maori- und Landeskunde

Home > Neuseeland > Etwas Maori- und Landeskunde

Etwas Maori- und Landeskunde

Immer wieder erhalten wir Fragen zu Neuseeland, zum Beispiel zu Bevölkerung, Kultur, Wetter, Vegetation und noch Vielem mehr. Das hat mich dazu animiert, ein paar Informationen sowie einige in den ersten zwei Monaten unseres Aufenthalts von uns persönlich gemachte Erfahrungen zusammenzustellen.

Land und Leute

Neuseeland besteht aus über 700 Inseln, wovon die beiden Hauptinseln die Südinsel (Te Waipounamu) und die Nordinsel (Te Ika-a-Maui) sind. Das Land hat etwa 2/3 der Fläche Deutschlands, es leben insgesamt rund 5,3 Mio Menschen hier.

Die Bevölkerung Neuseelands setzt sich zusammen aus ca. 19% Maori, 17% asiatisch stämmigen Menschen und 68% Menschen mit europäischen Wurzeln. Etwa 11 % der Bevölkerung identifizieren sich als von den pazifischen Inseln (Pacific Peoples), aus dem Nahen Osten, Lateinamerika oder Afrika stammend. Interessanterweise identifizieren sich viele Neuseeländer mit mehr als einer ethnischen Gruppe.

Die Südinsel ist zwar flächenmäßig die größere, es leben dort aber nur ca. 1,25 Mio Menschen, davon rund die Hälfte in der Region Canterbury, deren Hauptstadt Christchurch ist.

In Christchurch leben heute etwa 420.000 Menschen , womit es ca. 2,5 mal größer ist als Regensburg. Im Gegensatz zu Regensburg mit einer Bevölkerungsdichte von ca. 2.000 Einwohnern pro km2 leben in Christchurch nur rund 300 Einwohner pro km2.
Das liegt zum einen daran, daß es in Christchurch so gut wie keine Hochhäuser gibt. In meiner Wahrnehmung haben 99% der Häuser maximal ein Obergeschoss, der Kiwi lebt entweder in einem Einfamilienhaus oder aber in einem kompakten Reihen- oder Kettenhaus wie unserem aktuellen AirBnB. Unsere derzeitige Unterkunft hat geschätzte 80m2 auf zwei Etagen, eine Wohnküche und Toilette im EG, zwei Schlafzimmer, ein Bad und sogar ein kleines Büro im OG – sehr gemütlich, für vier Personen auf Dauer aber doch etwas eng.
Zum anderen hat es hier viele Parks und Grünflächen und Christchurch besteht neben der Stadt aus einem eher dünn besiedelten Umland und Teilen der bergigen Banks Halbinsel im Südosten der Stadt. Man sieht das sehr schön aus der Luft.

Quelle: https://www.google.com/maps/@-43.5729485,172.3965659,89598m/data=!3m1!1e3?entry=ttu&g_ep=EgoyMDI2MDMwNC4xIKXMDSoASAFQAw%3D%3D

Wir wohnen gerade in Spreydon, einem Stadteil im Süden von Christchurch (blauer Punkt auf der Karte). Das ist für unsere derzeitige Situation eine ideale Location. Ich kann in 25 Minuten mit dem Rad zur Uni fahren, die Kinder sind in 25 Minuten zu Fuß in der Schule. Stadtzentrum und potenzielle Arbeitgeber für Vroni sind ebenfalls in maximal 20 Minuten zu erreichen.
Der Freizeitwert der Stadt ist sehr hoch. Es gibt nette Cafes und Kneipen, Kinos, ein großes Rugby-Stadion (in dem sowohl die Crusadors aus Christchurch spielen, als auch internationale Matches stattfinden) und regelmäßig Veranstaltungen mit lokalen und internationalen Künstlern (neulich war z.B. Ed Sheran hier).
Und für Outdoor-Freunde ist Christchurch geradezu ein Paradies. Wir sind gestern Nachmittag mit der Fähre von Lyttelton übers Meer nach Diamond Harbour zum Wandern auf den dortigen Klippen gefahren und abends habe ich dann von zu Hause aus noch eine 1,5 Stunden Runde durch die Port Hills mit dem Gravelbike gemacht. Wo sonst kann man das machen, wenn man die Woche über studiert oder arbeitet?

PS: Vom „neuseeländischen Stiefel“ hat in Deutschland wohl noch kaum jemand gehört. Aber schaut Euch nochmal das Bild oben kurz an 😉. Mehr dazu gibt es demnächst.

Die Maori-Kultur ist ein zentraler Baustein der neuseeländischen Gesellschaft und Kultur

Im Rahmen meines MBA hatte ich die Gelegenheit, an einer Veranstaltung mit dem zentralen Thema „Geschichte der Maori – warum sollten sich neuseeländische Business-Leader damit auseinandersetzen?“ teilzunehmen. Charisma Rangipunga und Rocky Roberts, zwei erfolgreiche Maori-Geschäftsleute vom Iwi (~Stamm) der Ngai Tahu, haben einen weiten Bogen von der Besiedlung Neuseelands vor ca. 1.000 Jahren bis in die Gegenwart gespannt.

An zahlreichen Beispielen aus Vergangenheit und Gegenwart haben Charisma und Rocky uns etwas in die Maori-Kultur eingeführt und die Bedeutung von Mana aufgezeigt. Mana ist, so wie ich es verstanden habe, ein elementares Konzept in der Maori-Kultur, das oft vereinfacht als ‚Prestige‘ oder ‚Macht‘ übersetzt wird, aber es ist weitaus tiefgründiger. Es handelt sich um eine spirituelle Qualität, die Autorität, Einfluss und den Kern des Status einer Person in der Welt umfasst. Da Mana und damit eng verbunden Beziehungen für Maori eine sehr hohe Bedeutung haben, denken Maori meist langfristig und verfolgen Ziele oft über Generationen hinweg.

Die Gesellschaft ist gegliedert in Iwi (der Stamm), die übergeordnete Einheit, die oft auf eine Ur-Familie, die mit einem Kanu gelandet ist, zurückgeht. Darunter gibt es Hapu (der Clan), der sich aus diversen Whanau (die Familie) zusammensetzt. Iwi sind nicht hierarchisch orgainisiert, sondern Hapu und Whanau haben ein hohes Maß an Autonomie. Was sie selbst regeln können wird auf unterster Ebene geregelt, für übergeordnete Themen (früher z.B. zur Abwehr von Feinden, heute z.B. zur Durchsetzung von gemeinsamen Interessen) schließen sich Whanau und Hapu zusammen und regeln diese gemeinsam, vertreten durch ihr Iwi.

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern (Australien, USA, Argentinien,….), in denen indigene Völker unterdrückt und teilweise sogar ausradiert wurden, sind Maori und europäische Siedler (Briten; Franzosen ab ca. 1800) durch die Waitangi-Treaty trotz vieler Missverständnisse, unterschiedlicher Auslegungen von Verträgen (teils wegen unterschiedlicher kultureller Hintergründe, teils auch absichtlich), seit fast 200 Jahren vor dem Gesetz gleichberechtigte Bürger.

Maori haben in Neuseeland, im Gegensatz zu vielen indigenen Völkern in z.B. Australien oder den USA, eine nicht zu vernachlässigende Wirtschaftsmacht. Sie tragen mit ihren Aktivitäten zu rund 13% des neuseeländischen Bruttoinlandsprodukts bei. Während das BIP Neuseelands von 212 Mrd. USD in 2018 auf 252 Mrd. USD in 2023 (um ca. 19%) gestiegen ist, haben Maori-geführte Firmen im gleichen Zeitraum ein Wachstum von 88% (17 Mrd. USD auf 32 Mrd. USD) erzielt – trotz COVID! Das liegt vor allem daran, daß Maori langfristig denken und auch so agieren.

Wichtig zu erwähnen ist die Bedeutung von Manaki (Essen). Manaki wird bewußt genutzt, um andere zu beeindrucken, und Manaki schafft ein Gefühl von Gemeinschaft und Zusammenhalt. Ohne gutes Manaki keine erfolgreiche Zusammenkunft, egal ob privat oder geschäftlich.

Wer sich intensiver mit dem spannenden Thema Maori auseinandersetzen will, findet hier einen interessanten Online-Kurs zur Geschichte und Kultur der Maori mit interessanten Beiträgen zu verschiedenen Aspekten wie Besiedlung Neuseelands durch die Maori, erste Kontakte mit Europäern, Treaty of Waitangi, Stammesgeschichte, bis hin zur Gegenwart. https://www.hekura.nz/
Man kann sich einfach nur die Beiträge anschauen oder aber auch ein Quiz mit Fragen machen.

Maori-Sprache wird ungezwungen in die englische Kommunikation eingebaut. Man sagt zur Begrüßung Kia Ora und zur Verabschiedung Ka kite anō, und auf Toiletten steht ganz selbsverständlich Wharepaku, was wörtlich übersetzt in etwa „Haus des Waschens“ bedeutet. Mit 50….100 Wörtern soll man angeblich gut durch den Alltag kommen und es ist laut Charisma überhaupt nicht respektlos, auch nur einzelne Ausdrücke zu verwenden. Jeder wie er kann, der gute Wille zählt. Wir lernen jetzt aber erst mal ordentlich Englisch, bevor wir mit Maori anfangen.

Apropos Englisch: Der Kiwi-Slang ist für mich oft noch eine Herausforderung. Eine Kiwi-Kommilitonin hat mir unlängst etwas von einem „Tint“ erzählt. Ich habe sie nicht verstanden und sie wohl ziemlich dumm angeschaut. Nach kurzer Zeit ist aber dann der Groschen gefallen: Sie hat von einem „Tent“ (Zelt) gesprochen. In vielen Wörtern sprechen Kiwis ein „e“ wie ein „i“ aus; aber nicht in allen, was die Sache durchaus zu einer Herausforderung macht. Interessant ist es auch, wenn in meinen Kursen Muttersprachler aus England, den USA und Neuseeland bunt durcheinander reden. Da hört man oft ein und das selbe Wort in drei unterschiedlichen Aussprachen – manchmal ganz schön verwirrend.

Ich hoffe, daß ich Euch nicht zu sehr angestrengt habe. Bald kommt ja ein neuer Beitrag von Vroni, mit wieder mehr Bildern und Emotionen 😉.

One thought on “Etwas Maori- und Landeskunde”

  1. Ein sehr interessanter Bericht von Thomas, danke.
    Ich habe in der Wildgen Bibliothek etliche interessante Bücher zu den Maoris und zu deren Sprache. Geschichte ist meist stabil, jedoch gibt es neue Interpretationen.
    Lasst es euch gut gehen!
    Heidi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert