Nachdem die bisherigen Blogs meist Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung versprüht haben, gibt’s heute mal einen Jammer-Blog. Muss jetzt einfach sein – quasi Blog als Therapiestunde zur Verarbeitung der Ereignisse 😊
Aber bevor ich ins Tal der Tränen absteige, erstmal kurz zum Job: Ich bin nun schon eine Woche und zwei Tage wieder weg von der Straße und ins harte Arbeitsleben eingetaucht – und ich muss sagen, es gefällt mir sehr gut. Aufbruchstimmung, tolle Ingenieure, spannende Themen, alle sehr pragmatisch. Dazu wieder ein geregelter Tagesablauf mit meiner 1-Liter-Thermoskanne Tee vor dem Mittagessen. Die Kiwis machen sich übrigens gerne über die Deutschen und ihre Kräutertee-Leidenschaft lustig – ich gebe mich zufrieden mit einer Mischung aus Kamille und Pfefferminz, mangels Alternativen. Aber mehr über das Arbeitsleben in NZ gibt’s ein anderes Mal.
Morgens um kurz nach „brrr“
Der Tag fängt nämlich so an: Aktuell haben wir 9 Grad, meist mit Sonne, aber zunehmend auch bewölkt und regnerisch. Da wir die Wärmepumpen direkt neben meinem und Maries Schlafzimmer haben – und die Wände gefühlt aus Pappe sind – schalten wir die Heizung abends ab. Ergebnis: Morgens kondensiert das Wasser an den Aluminiumfensterrahmen. Immerhin haben Kiwi-Fenster unten eine praktische Wasserauffangschiene. Ich habe gehört, dass sich 50 % der Neuseeländer im Winter darüber beklagen, in ihren Häusern zu frieren – aber dagegen tun auch die wenigsten etwas. Naja. Mit meinem ehemaligen KfW-60-Haus in Deutschland ist das jedenfalls nicht zu vergleichen. An meine Hauskäufer – falls ihr das lest: Seid euch immer bewusst, wie schön ihr es habt 😉
Also erstmal ab unter die heiße Dusche. Und dort: das nächste Problem. Der Pumpspender meiner 2-Liter-Duschgelflasche – ja, Übergröße ist hier völlig normal – versagt nach sage und schreibe 50 ml seinen Dienst. Ich fluche über die miserable Qualität. Ein gut informierter Freund hat übrigens herausgefunden, dass NZ aus China mit schlechterer Qualität beliefert wird als zum Beispiel Europa – mit fünf Millionen Einwohnern ist man eben kein Markt, dem irgendjemand hinterherläuft. Ich entnehme das Duschgel also fortan manuell aus der Flasche und nehme mir vor, dieses Produkt nie wieder zu kaufen.
Büro, Wärmflaschen und der akklimatisierte Sohn
Im Büro angekommen, erstmal Kaffee holen. Neben mir in der Küche: eine Kollegin, die sich zwei Wärmeflaschen mit heißem Wasser füllt – eine für die Oberschenkel, eine unter ihre bewollsockten Füße. Ich denke mir: „Aha, also gibt es doch auch Frostbeulen unter den Kiwis.“ Gut, dass es in unserem Großraumbüro relativ angenehm ist.
Ferdinand dagegen hat sich inzwischen vollständig akklimatisiert und rennt tagein, tagaus nur mit seinem Schul-Poloshirt herum – kein Pulli, keine Diskussion. Immerhin trägt er die lange Schulhose, während mindestens 50 % seiner Klassenkameraden noch in kurzen Hosen in die Schule kommen. Kiwi-Kinder sind offenbar aus einem anderen Stoff gemacht.
Die Problemzone
Aber ich greife kurz vor – denn bevor dieser Arbeitsalltag überhaupt begann, hatte ich noch ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten. Meine Problemzone. Ja, ihr fragt euch jetzt zurecht „welche Problemzone“ 😉 – diese sitzt mitten im Gesicht und nennt sich Pony. Falsch geschnitten kann Vroni damit ziemlich doof aussehen – das ist eine Tatsache, die ich über die Jahre leidvoll gelernt habe. Katrin, meine Friseurin in Deutschland, wusste damit umzugehen. Katrin, falls du das liest: Sei herzallerliebst gegrüßt!
Nachdem mir meine Tochter mal die Haare geschnitten hat, ich mir den Pony mehrfach selbst geschnitten und verschnitten habe, und ich inzwischen öfter gefragt werde, warum ich so gerne ein Käppi trage – war das Ziel klar: vor Arbeitsbeginn unbedingt einen Friseur finden. Also Termin in einem Salon in der Nähe mit guten Bewertungen gemacht, der Friseurin erklärt, wie ich es gerne hätte – und wurde dann mit der neuseeländischen Haarschneide-Technik konfrontiert. Meine sensible Problemzone wurde Strähnchen für Strähnchen gerupft statt Schicht für Schicht geschnitten und in Form gebracht. Ich war schon vorgewarnt worden, dass die Technik hier eine andere ist und man sich damit abfinden müsse. Hinzu kam, dass die Friseurin anscheinend einen schlechten Tag hatte: Ihr „awesome“ und „amazing“ klang in einer Tonlage, die eher nach dem Gegenteil klingen ließ.
Ich verließ den Salon mit dem Gefühl eines gerupften Huhns und nahm mir sofort vor, Google nach einem deutschen Friseur in Christchurch zu befragen. So wie der deutsche Metzger hier enormen Zulauf bekommt, weil er sein Handwerk schlicht besser versteht als der Durchschnitt – vielleicht gibt es ja auch einen deutschen Friseur, der die Lücke füllt. Katrin, nochmal direkt an dich: Wie wäre es? Auswandern nach NZ und Salon aufmachen – die Kundschaft wäre garantiert, wenn ich an all die armen deutschen Mädels hier denke 😄
Der Kreisel. Und die Furie.
Als gerupftes Huhn also wieder ins Auto und auf die Straße – und auf dem Weg in ein neues Viertel: ein zweispuriger Kreisel. Ich im Uhrzeigersinn auf die Außenbahn, wollte bis zur dritten Ausfahrt weiterfahren – da rammte mich fast eine Fahrerin, die von der Innenspur bei der zweiten Ausfahrt raus wollte. Ich noch gerade rechtzeitig herumgerissen, Zusammenstoß knapp verhindert.
Bei der nächsten Gelegenheit links rausgefahren, kurz durchgeatmet. Die andere Fahrerin hält neben mir, beide Scheiben runter – und dann: „You scared the shit out of me!!! Learn how to drive a roundabout!!! You fucking son of a bitch!!!“ Ich dachte kurz: „Ähm… eher Bitch als son of – aber gut.“ Gesagt habe ich nur ganz devot: „I’m so sorry. Sorry. Sorry…“
Nachdem ich mir den Anschiss ordnungsgemäß abgeholt hatte, drehte ich um, fuhr nochmal am Kreisel vorbei – und sah: tatsächlich, da war eine durchgezogene Linie, die ich hätte beachten müssen. Während der Weiterfahrt habe ich dann die KI nach den Regeln für zweispurige Kreisel befragt. Jetzt weiß ich Bescheid. Lektion gelernt – auf die harte Tour. Und damit zurück in die Gegenwart – sprich: zurück in den ganz normalen (Arbeits)alltag, der nach diesen Vorkommnissen fast schon entspannend wirkt 😄
Gurke 2,70 Euro. Farticles: unbezahlbar.
Während der Fahrt kam mir dann ein Gedanke, der mich schon länger beschäftigt: Seit wir in NZ sind, kommen mir ständig viele Leute bekannt vor – nicht weil ich sie kenne, sondern weil sie aussehen wie Doppelgänger von Menschen aus Deutschland oder Europa. Ich habe die KI befragt, ob ich mir das nur einbilde – Ergebnis: Jeder Mensch hat statistisch gesehen bis zu sechs Doppelgänger, über die regionale Verteilung gibt es allerdings keine belastbaren Studien. Wahrscheinlich spielt auch eine Rolle, dass ich die Leute aus D/EU seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen habe und mein Gehirn langsam anfängt, Ähnlichkeiten zu konstruieren. Oder ich werde langsam kiwi-blind 😄
Weiter in den Supermarkt. Und da fällt mir wie immer auf, wie teuer Gemüse im Winter hier ist. Die Gurke: 5,50 NZD, also etwa 2,70 Euro. Beim Aldi in Deutschland? 40 bis 70 Cent. Hier wird nichts subventioniert, die zwei großen Supermarktketten sprechen sich bei den Preisen offenbar ab – und mit fünf Millionen Einwohnern kann man es ja machen. Weiter zum Knoblauch: ebenfalls teuer, dazu noch schlechte Qualität. In einem riesigen Korb voller Knollen sucht man vergeblich nach einer einzigen, bei der nicht mindestens eine Zehe bereits vergammelt ist. Unser wissender Freund hat auch das recherchiert: Das gute Gemüse wird exportiert, die zweite Qualität landet in den neuseeländischen Supermärkten. Ich habe inzwischen gelernt: Knoblauch kauft man hier beim indischen Supermarkt – hervorragende Qualität zu deutschen Preisen. Echt skurril, wenn man mal eben Zaziki machen möchte und nur in den Supermarkt ums Eck kann.
Ach ja, Adi. Wenn ich abends heimkomme, ist es inzwischen fast schon ein Ritual: Wo hat er sich heute wieder festgefahren? Unser smarter Rasenmäher findet mit einer Konsequenz, die man fast bewundern muss, immer wieder eine neue Ecke, in der er hilflos strandet und mich mit traurigen Augen anschaut. Des Rätsels Lösung: unser schwächelnder WLAN-Router, der Adis Orientierungssinn an den Grenzen des Grundstücks im Stich lässt. Aber Rettung naht – Thomas bringt eine Fritzbox aus Deutschland mit. Adi, halt noch durch! 😄
Zwischendrin kurz Ferdinand, der mit einem Witz hereinplatzt: „Mama, how do you call the particles in a fart?“ – „Farticles!“ 😄 Danke, Ferdinand. Immer wieder erhellend.
Heimweh, Schmachten und Maries Urteil
Nach gut einer Woche Arbeit, bei der die Zeit wie im Flug vergangen ist, ist so etwas wie Alltag bei mir eingekehrt – und damit, wahrscheinlich auch in Kombination mit dem schlechteren Wetter und dem Rupfpony-Erlebnis, erstmals ein richtiges Heimwehgefühl. Und natürlich vermisse ich meinen Thomas, der nun seit fast drei Monaten in Deutschland ist.
Letztens beim Frühstück hat mich Marie dabei erwischt, wie ich schmachtend alle Fotos mit Thomas auf meinem Handy durchgeschaut habe – eine smarte Handyfunktion zeigt einem alle Bilder der letzten Jahre zu einer Person. Genau in diesem Moment ruft Thomas per WhatsApp an, ich stelle laut – und er begrüßt mich mit: „Meine herzallerliebste beste Ehefrau der Welt, wie geht es dir?“
Marie steckt sich demonstrativ den Finger in den Mund, lässt ein Kotzgeräusch folgen und urteilt trocken: „Ihr seid ja furchtbar – ihr führt euch auf wie Teenager.“
Tja, so ist das 😊 Und bald kommt er ja wieder.
Zum Abschluss noch ein paar Fotos: Vormittagsausflüge mit den Kids. Thomas auf Dienstreise in Long Beach, Los Angeles. Feuerwerk mit Musik am New Brighton Beach zum Matariki-Fest – dem Maori-Neujahr. Maries neueste Malkünste. Blick vom Balkon – so sieht Winter in NZ aus: Zitronenbäumchen und schneebedeckte Alpen im Hintergrund. Und natürlich: Port Hills Wanderung.
Bussi zur Nordhalbkugel 🌍
Hallo Vroni
Super Blog. Ich unterschreibe jede einzelne Zeile von dir. Jede Sonnenseite hat auch ein bissi Schatten. Halte durch, du machst es großartig.
Liebe Grüße an die Kids.
Vermisse euch
Evelyn
Hi Evelyn,
danke für die Bestätigung – Du kennst ja Österreich/Deutschland und Neuseeland 🙂 Wir vermissen euch auch hier!
Schön, dass ihr euch mit Thomas und seinen Mädels kürzlich getroffen habt.
Ganz liebe Grüße,
Vroni