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Von Arbeitssuche und Prostitution

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Von Arbeitssuche und Prostitution

Ja, ich gebe es zu… der Titel sollte euch wieder zum Lesen verführen 😉 Und nein, um es gleich vorwegzunehmen: Ich musste noch nicht auf den Strich gehen, um Geld zu verdienen (gibt’s sowas eigentlich in ChCh? Bestimmt – aber wo, das müsste ich mal recherchieren. Bisher ist mir noch keine auffällige Ecke aufgefallen). Die Aufklärung folgt – versprochen 😉

Von mir kam länger nichts mehr hier, und das hat einen guten Grund: Ich war etwas mehr mit Kaffeetrinken beschäftigt. Klingt nach einer faulen Ausrede, ist aber – wie ihr gleich seht – tatsächlich die ganze Wahrheit. Aber erstmal müssen wir ein bisschen zurückspulen…

Es war einmal vor langer Zeit…

…also in unserem Fall Mitte 2024. Da haben wir uns einen großen Stapel Bücher zum Thema Auswandern nach Neuseeland gekauft und uns durchgearbeitet – Bettlektüre der nüchternen Sorte. Die Kernbotschaften ließen sich schnell zusammenfassen: Ohne Job kein Visum, ohne Visum kein Job – klassisches Henne-Ei-Problem. Pro Stelle gibt es hunderte Bewerber, also haben nur bestimmte Branchen wie zum Beispiel das Ingenieurwesen überhaupt eine realistische Chance. Und im Grunde werden vor allem die berücksichtigt, die bereits im Land sind und schon ein Arbeitsvisum haben. Klingt nach einem Teufelskreis? Ist auch einer. Der wiederkehrende Tipp aus allen Büchern: Holt euch einen Auswanderungsberater.

Gesagt, getan – unserer heißt Peter. Ein Anwalt und Surfer, ursprünglich aus Hamburg, der vor über 25 Jahren nach NZ ging und sich dort als Auswanderungsberater selbstständig gemacht hat – quasi der Hamburger, der den Kiwi-Bürokratie-Dschungel inzwischen im Schlaf navigiert. Seine Empfehlung für uns: Thomas, älter als ich, beginnt kostenpflichtig ein Studium in NZ und bekommt damit ein Studentenvisum. Ich als seine Frau erhalte dadurch automatisch ein Arbeitsvisum. Plan also: Ich gehe auf Jobsuche, Thomas studiert

Kleiner Exkurs zu den Visa-Pfaden, weil das Thema ziemlich unübersichtlich ist: Es gibt in NZ verschiedene Wege Richtung Daueraufenthalt (Residency) – manche führen über ein klassisches Arbeitsvisum mit ausreichendem Gehalt, manche über sogenannte „Green List“-Berufe (Berufe mit Fachkräftemangel, für die es beschleunigte Verfahren gibt), und wieder andere über Investitionen oder Unternehmertum. Der entscheidende Unterschied: Bei manchen Pfaden kann man relativ schnell die Residency beantragen, bei anderen dauert es deutlich länger oder es bleibt erstmal bei befristeten Arbeitsvisa. Und – ganz wichtig – die neuseeländische Regierung passt diese Kriterien praktisch jährlich an die wirtschaftliche Lage an. Was heute auf der Green List steht, kann morgen schon wieder runter sein, und Gehaltsschwellen werden ebenfalls regelmäßig angepasst. Kurz: Wer plant, sollte sich nicht auf den Stand von vor zwei Jahren verlassen, sondern aktuell nachschauen und sich beraten lassen.

Ich habe Peter dann noch gefragt: Sollen wir dahin ziehen, wo wir einen Job bekommen – oder erst schauen, wo es uns gefällt, und dann auf Jobsuche gehen? Seine Antwort kam ohne Zögern: Zweiteres! Also war ein Hauptziel unserer Hochzeitsreise im Januar 2025, genau das herauszufinden: Wo gefällt es uns am besten?

Auckland fiel für uns schnell raus – zu feucht, zu viel Verkehr, und die Hauspreise sind schlichtweg astronomisch. Eine ganz kleine Stadt oder komplett aufs Land wollten wir auch nicht. Am Ende hat uns Christchurch am meisten überzeugt – eine Entscheidung, die sich bisher in vielerlei Hinsicht als goldrichtig herausgestellt hat.

Der Plan für Schisser – und warum es trotzdem viele andere Wege gibt

Anfangs fand ich Peters Strategie total logisch – fast schon ein „Plan für Schisser“: Wenn Thomas das Studium erfolgreich und in der vorgesehenen Zeit abschließt, bekommen wir nochmal drei Jahre Aufenthaltsrecht obendrauf – auch wenn keiner von uns einen Job findet. Macht insgesamt 4,5 Jahre. Man braucht nur genug Budget, um sich das auch ohne Jobs leisten zu können. Sicherheitsnetz inklusive, quasi.

Aber von Freunden hier haben wir mitbekommen: Jeder hat es anders gemacht. Drei kleine Fallstudien aus dem echten Leben:

Fall A „Wissen was die Frau kann 💑“: Er (IT-Branche) kommt vor ca. drei Jahren mit einem Touristenvisum nach NZ und geht auf Jobsuche. Findet zwar nicht direkt etwas – aber in den Gesprächen stellt sich heraus, dass eine Stelle perfekt für seine Frau (ebenfalls IT) passen würde. Über ihren Job kommt das Visum, und kurz nachdem beide im Land sind, hat er plötzlich gleich mehrere Angebote. Manchmal ist der direkte Weg eben der Umweg.

Fall B „die Mutigen – Respekt 👌“: Eine Familie mit zwei Kids verkauft ihr Haus in Deutschland und kommt mit einem Touristenvisum (gültig 9 Monate) nach NZ – Haus weg, Brücken hinter sich abgebrochen, volles Risiko. Er (Automotive Sales/Marketing) sieht kurz nach Ankunft eine Stellenausschreibung, die wie die Faust aufs Auge passt. Anruf, locker gequatscht, vorbeigeschaut – und beim Vorstellungsgespräch in Auckland wird ihm direkt ein Job in Christchurch angeboten. Wo sie ohnehin hinwollten. Wenn das kein Treffer ist.

Fall C „die abwägenden Oberschisser 😉“: Ein Paar mit einem Kind nimmt jeweils zwei Jahre Elternzeit bei ihren deutschen Arbeitgebern – quasi die Rückfahrkarte gleich mitgebucht. Er studiert in Christchurch, sie (Logistik-Management) geht mit dem Work-Visum auf Jobsuche und findet sofort etwas. Plan: Erstmal schauen, ob NZ taugt – und falls nicht, einfach zurück nach Deutschland in die alten Jobs.

Fazit: Es gibt viele Wege, und bei allen, die wir kennen und hier sind, hat es am Ende irgendwie geklappt – nicht immer reibungslos, aber es hat geklappt. Es gibt aber auch genug Fälle, in denen Leute nach ein paar Monaten wieder ausreisen, weil die Jobsuche einfach nicht funktioniert hat. Und: Es ist auch nicht jedes Jahr gleich. Kurz nach Corona zum Beispiel waren die Chancen besonders gut, weil viele Neuseeländer das Land wegen der strengen Lockdown-Politik verlassen hatten und gleichzeitig die Wirtschaft anzog – es entstanden viele neue Jobs. Letztes Jahr dagegen war’s für IT-ler ziemlich übel: zu viele Bewerber, zu wenige offene Stellen. Glück beim Timing gehört halt auch dazu – und das ist, wie bei so vielem im Leben, eben nicht immer planbar.

Zurück zu Thomas und mir

Also sind wir im Januar mit Studenten- und Work-Visum eingereist. Thomas hatte Urlaub und Sabbatical genommen, denn der in der Zwischenzeit gereifte bessere Plan war: Danach arbeitet er von NZ aus für seinen deutschen Arbeitgeber über eine Zeitarbeitsfirma in NZ weiter und wir können darüber dann die Residency beantragen. Meine Aufgabe in der Zwischenzeit: Dass sich die Kids gut einleben, wir Freundschaften aufbauen, die Kids in der Schule ankommen, ich parallel meinen Lebenslauf aufs Kiwi-Format bringe und mein LinkedIn-Profil aufpoliere. Kurz gesagt: Familienlogistik gepaart mit Vorbereitungen für die Jobsuche.

Kurzer Einschub für alle, die LinkedIn nicht kennen: Das ist ein soziales Netzwerk, das sich komplett auf das Berufsleben konzentriert – man postet dort nicht, was man zum Frühstück hatte, sondern Karriere-Updates, fachliche Inhalte, Jobwechsel und Co. Und ja, in Neuseeland ist LinkedIn deutlich wichtiger als in Deutschland oder generell in Europa. Ein Grund dafür: Der Arbeitsmarkt hier ist viel kleiner und persönlicher – jeder kennt irgendwie jeden, und Empfehlungen zählen enorm. LinkedIn ist hier weniger „digitales CV-Archiv“ und mehr aktives Networking-Tool, über das man sichtbar bleibt und Kontakte pflegt. Die Kiwis sind richtig fleißig dabei – posten, kommentieren, vernetzen, alles ganz selbstverständlich.

Mein Plan war also, mich gemütlich und in Ruhe nach einem passenden Job umzusehen. Tja – erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt oder soll ich sagen „zurück zu Plan A“…

Thomas‘ Firma bekam plötzlich Bedenken, dass so ein Vertrag rechtlich Probleme machen könnte, und zog den Plan zurück. Heißt: zurück zu Plan „Vroni findet einen Job, über den wir das Visum bekommen“. Da unser Ziel aber nicht nur irgendein Visum war, sondern ein Job, mit dem wir direkt die Residency beantragen konnten, um anschließend ein Haus kaufen zu dürfen, und ich genau wusste, wie schwer das werden würde, kamen mir erst einmal kurz die Tränen.

Aber Krone zurechtgerückt: Mit den Kids lief es ohnehin viel besser als erwartet, also – ran an die Jobs. Beziehungsweise: Stopp. Erstmal ran ans Netzwerken, siehe nächster Absatz. Thomas ist in der Zwischenzeit zurück nach Deutschland, um die weiteren Schritte mit seinem Arbeitgeber zu klären.

Netzwerken – oder: die Kunst der „Freinderlwirtschaft“

Was ich immer wieder gehört habe: Man kann 100 Bewerbungen mit dem besten CV der Welt schreiben – ohne Erfolg, wenn niemand einen empfiehlt. In Bayern würde man dazu abfällig „Freinderlwirtschaft“ sagen. Ich hab’s positiv gesehen: Im Netzwerken und Quatschen mit Leuten bin ich gut. Und hier geht das erstaunlich unkompliziert. Eine Nachricht auf LinkedIn, und schwupps trifft man sich auf einen Kaffee und redet über das, was gerade in der Tech-Szene von Christchurch passiert. Hier kennt eben jeder irgendwie jeden. Oder man lernt beim Frühstück, auf einem der schönen Märkte, eine Ex-Recruiterin kennen, die gerne Tipps gibt – und deren Mann die Tech-Szene bestens kennt. Willkommen in Christchurch, wo das Netzwerk auch beim Wochenendeinkauf einfach mitläuft. Was allerdings auch bedeutet: Diese Medaille hat zwei Seiten. Wenn man hier in dieser engen Beziehungs-Welt mal seinen Job verbaselt, dann spricht sich das natürlich genauso schnell rum wie alles andere. Christchurch ist eben ein Dorf im Großstadt-Format – im Guten wie im Schlechten.

Also habe ich überlegt: Wo könnte mein Know-how aus Übersee am meisten gebraucht werden? Entsprechende Firmen rausgesucht, Recruiter oder Führungskräfte angeschrieben, mich getroffen – mal mit einer konkreten Stelle als Aufhänger, oft auch einfach nur, damit man mich „auf dem Schirm“ hat, wenn etwas Passendes kommt. Und ich habe gelernt: Oft trifft man sich einfach auf einen Kaffee, redet über spannende Projekte – und plötzlich ergibt sich eine Möglichkeit, ganz ohne offizielle Stellenausschreibung. Manchmal wird sogar eine Stelle quasi „um die richtige Person herum“ geschaffen. Umgekehrt gibt es aber auch Ausschreibungen, die eigentlich nur testen sollen, ob der perfekte Kandidat zufällig gerade verfügbar ist – findet sich niemand, wird die Stelle wieder eingestampft.

Dazu kommen die zahlreichen Netzwerk-Veranstaltungen hier, zum Beispiel Canterbury Tech: einmal im Monat Vorträge zu spannenden Themen, bei denen die Tech-Szene zusammenkommt und netzwerkt. Klar, dass ich da war – und mich gleich in die erste Reihe gesetzt, mit meinem Sitznachbarn ins Gespräch gekommen und mich auf LinkedIn vernetzt habe. Am nächsten Tag die Nachricht: „Hey, dein CV auf LinkedIn ist ja beeindruckend – lass uns mal auf einen Kaffee treffen, ich hab da vielleicht demnächst was, wo du gut reinpassen würdest.“ Ich dachte mir nur: Läuft ja besser als gedacht 😊

Und dann: die Prostitution

Wenn man erstmal viele neue Kontakte in Christchurch auf LinkedIn hat (ich habe mich mit ca. 200 Leuten aus ChCh innerhalb von fünf Wochen „vernetzt“), dann muss man sich „prostituieren“. Ich nenne es so, weil es mir anfangs total komisch vorkam, regelmäßig etwas Kluges oder Unterhaltsames zu posten, nur damit die „Follower“ wissen: Hey, die gibt’s noch! Auch Thomas fand das anfangs befremdlich. Aber mittlerweile – und vor allem nach so viel positivem Feedback – macht es richtig Spaß. Und man merkt: Die Kiwis stehen total drauf, und es bringt tatsächlich etwas – neue Kontakte, und damit potenzielle Fürsprecher, falls der passende Job mal vorbeikommt.

Lange Rede, kurzer Sinn – und ehrlich gesagt lief es danach so herrlich typisch Kiwi-mäßig ab, dass man es kaum erfinden müsste: Man unterhält sich bei einem Kaffee über ein cooles Projekt, wird daraufhin spontan in die Firma und kurz darauf zu einem Workshop eingeladen – und ein paar Tage später wird kurzerhand eine Stelle geschaffen. Genau so kam dann der im Grunde dritte Kaffee-Termin ins Rollen. Und ab kommendem Donnerstag fange ich an zu arbeiten!

Wo? Bei Holmes Solutions – Whoosh Programm

Whoosh ist ein neuseeländisches Programm, das an autonomen Transportlösungen arbeitet – kurz gesagt: Uber (also Taxi per App) der Lüfte, das Menschen sicher und effizient von A nach B bringen soll. Ja, ihr habt richtig gelesen – willkommen in der Zukunft, Pilotprojekt ist in Queenstown NZ geplant. Und die Firma macht genau das, was man hier in NZ richtig gut kann: etwas Neues aus dem Boden stampfen. Die Energie und Kreativität, ein Thema von null auf die Beine zu stellen, ist beeindruckend. Wo es dann oft etwas schwieriger wird, ist der nächste Schritt – das Thema wirklich in Serie zu bringen und hoch zu skalieren, wenn eigentlich noch jede Menge zu tun ist. Genau da, vermute ich, kann ich mit meiner Erfahrung und zwei zusätzlichen Händen ein bisschen helfen. Quasi: Start-up-Energie trifft auf „was brauchen wir um die nächste Investitionsrunde zu überstehen und was müssen wir machen um das später zuverlässig in Stückzahl zu bringen?“.

Die Rahmenbedingungen für meinen Vertrag passen super: Er erfüllt die Voraussetzungen für die Residency-Beantragung – und das war für uns natürlich der Jackpot. Gleichzeitig ist es kein Vollzeitjob, was momentan genau richtig ist: Die Kids sind in einem Alter, in dem das Zeitfenster, wo sie überhaupt noch was mit Mama machen wollen, ziemlich klein ist – und das möchte ich nutzen, solange es geht. Außerdem bleibt mir so auch noch Zeit, weiter zu netzwerken, denn wie es nach diesem Vertrag bei Whoosh weitergeht, steht noch in den Sternen.

Kurz: Aus „Kaffee trinken“ ist jetzt ein Job geworden – und ich kann’s selbst kaum glauben, wie schnell das am Ende ging, nachdem ich erst im April aktiv angefangen habe, mich umzusehen.

So, das war die Auflösung des Titels – tut mir leid, falls ihr auf etwas Anderes gehofft habt 😉 Aber wie ihr seht: Manchmal muss man sich eben ein bisschen „prostituieren“, damit Geld und Visa rein kommen 😉

Damit dieser Blog – mangels Fotos von Kaffee-Treffs 😉 – nicht ganz ohne Bilder daherkommt, hier noch ein paar private Eindrücke aus Mai und Juni. Eigentlich ist Juni hier der Hauptwintermonat, aber er zeigt sich aktuell erstaunlich mild. Diese Kombination aus immergrüner neuseeländischer Vegetation, blauem Himmel und Sonnenschein will ich die nächsten Tage noch in vollen Zügen genießen, solange ich noch „frei“ habe.

Unternehmungen im Mai/Juni: Marie’s Geburtstag, Riccarton Sonntags-Flohmarkt und Riccarton Bush Samstags Markt, Mona Vale Park, Lyttelton Markt

diverse Wanderungen, Hagley Park und Art Museum, Port Hills, Hot Pot Essen bei chinesischen Freunden, Sauerteigbrotbacken,

In diesem Sinne: Euch hoffentlich auch bald wieder besseres Sommer-Wetter, und viele Grüße von der Südhalbkugel!

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