Hallo ihr Lieben daheim!
Während Thomas euch meist eher mit Informationen und strategischen Meilensteinen versorgt, übernehme ich heute mal wieder das Ressort „Emotionen, Kurioses und Familien-Chaos“. Betrachten wir das Ganze einfach als mein digitales Fotobuch mit einer Extraportion Text.
Nachdem der Januar eher im Zeichen der Bürokratie stand (Konto eröffnen, Auto kaufen – gähn!), ging es im Februar ans Eingemachte: Häusersuche in der richtigen Schulzone, Kids einschulen und das soziale Netz knüpfen. Spoiler: Es ist eine Achterbahnfahrt!
Schule: K-Pop, Kilt und kulinarische Antike
Über Schulsysteme kann euch ChatGPT alles erzählen – ich erzähle euch lieber, wie es sich anfühlt. Marie war im Vorfeld vor allem aus zwei Gründen Feuer und Flamme: die Schuluniform und der britische Akzent. Dank der K-Pop-Generation ist alles, was nicht Deutsch ist, sowieso „cool“, aber British-English toppt für sie alles (außer Koreanisch natürlich 😉). Marie übt schon fleißig, liest nur noch Englisch und träumt von einem eigenen YouTube-Kanal für ihre Backkünste in einem britisch angehauchten Café.
Ferdinand? Der hatte keine Erwartungen. Ich habe beide vorgewarnt: „Leute, es wird hart. Ihr versteht wahrscheinlich erstmal den Dialekt nicht, ihr seid die Ausländer, und wenn ihr ein Jahr wiederholen müsst – egal, ihr wachst an der Herausforderung!“
Thomas bestand darauf, dass die beiden eine Schultüte brauchen – ist ja schließlich ein neuer Schulanfang! Die Kids fanden den Inhalt (Zucker!) super, das äußere Erscheinungsbild aber „o-b-e-r-p-e-i-n-l-i-c-h“. Bloß kein Foto vor der Schule! Beim Einkaufen für die Füllung griff Ferdinand zu Marshmallows. Mein mütterlicher Zeigefinger schoss hoch: „Ih, das ist künstlich! Man sollte nichts essen, was in den letzten 125 Jahren erfunden wurde.“ Keine drei Sekunden später zückte Thomas das Handy: „Ferdinand, wir sind safe! Die ersten Marshmallows wurden in der Antike ca. 2000 v. Chr. erfunden … High Five!“ Tja, gegen historisch belegte Zuckerwatte kommt man als Mutter nicht an.
Der erste Schultag & die Schocktherapie: Am 8. Februar ging es los. Die Uniformen stehen ihnen fantastisch – Marie liebt ihren schicken Winterkilt (obwohl hier gerade Sommer ist 😅). Doch der erste und zweite Tag war… kontrastreich.
- Marie: Kam bitterlich enttäuscht heim. Keiner hat sie verstanden, keine Freunde, alles doof, Schulwechsel sofort!
- Ferdinand: Strahlte. „Alles cool! Hab Witze auf Englisch erzählt, alle haben gelacht – und ein Mitschüler aus China war auch total nett.“
Dritter Tag: Die Wende! Marie grinst wieder. Sie hat Anschluss gefunden, auch wenn ihr der Unterricht fast zu entspannt ist. Ihre Leidenschaft für kunstvoll verzierte Hefteinträge kann sie hier kaum ausleben – es wird einfach zu wenig mitgeschrieben.
Highlight im Bio-Unterricht: Das schlägt jede deutsche Lehrplaneinheit! Die Science-Lehrerin klatschte eine bluttriefende Schafslunge auf den Tisch (kurze Warnung inklusive: „Wer’s nicht sehen kann, geht raus“). Dann wurde das Ding mit einer Luftpumpe aufgepumpt. Der Clou: Die Luftröhre wurde in Scheiben geschnitten und die Kids konnten sie als Ring am Finger tragen. Cool, oder? In Deutschland hätten wahrscheinlich 20 % der Eltern mit einer Klage wegen Traumatisierung gedroht. Hier ist das einfach „anschaulicher Unterricht“. Abschiedsgruß der Lehrerin: „Weil am Wochenende Valentinstag ist, bringe ich am Montag zur Feier des Tages ein Schafsherz mit.“ Romantik pur!
Freizeit: Yoga-Pupse und der neuseeländische Immobilienmarkt
Um Leute kennenzulernen und zur körperlichen Ertüchtigung, gehen die Kids und ich jetzt zum Yoga. Wir haben allerdings eine Gruppe mit drei Rentnern erwischt. Aber wie stand es so schön auf der Tasse unseres letzten Vermieters: „Yoga: Basically an hour trying not to fart.“ (Yoga: Quasi eine Stunde lang damit beschäftigt, sich das Pupsen zu verkneifen.) In diesem Sinne: Es ist sehr entspannt.
Ansonsten ist unsere neue Lieblingsbeschäftigung: Häuser gucken! Der Markt hier ist extrem volatil. Die Kiwis ziehen im Schnitt alle sieben Jahre um. Nicht so wie wir Deutschen, die ein Haus für die Ewigkeit bauen – inklusive vorausschauender Planung für den Rollstuhllift und der wegnehmbaren Wand fürs spätere Senioren-Studio (Ja. Ich bekenne mich schuldig).
Hier ist alles ein bisschen leichter. Und vor allem: herrlich unkompliziert. Besichtigungstermin? Klick – und schon steht er im Kalender. Man fühlt sich fast wie beim Online-Shopping. Nur dass man statt Sneakern plötzlich ein ganzes Haus anprobiert.
Und ganz ehrlich: Häuser live zu besichtigen ist tausendmal spannender als jede Hochglanz-Wohnzeitschrift. Manche Objekte wirken allerdings wie eine Bühne. Drei Wohnzimmer, aber kein gescheiter Platz für einen Esstisch. Und dann gibt es diese anderen Häuser. Oft sind es die, die länger als die berühmten sieben Jahre in einer Hand waren. Da sieht man sofort: Hier wurde nicht nur gewohnt, hier wurde gelebt. Ein großer Esstisch mit Gebrauchsspuren. Licht, das am Abend warm durch die Fenster fällt.
Magie und Zeitreisen
Vor drei Wochen waren wir im Wald (Peel Forest). Ein magischer Ort! Neben den 1000 Jahre alten Baumriesen wirkt man klein und unbedeutend. Der Pfad schlingt sich durch einen urwaldartigen Farnwald, in dem das Zirpen der Zikaden so laut und rhythmisch ist, dass man fast in Trance fällt. Das Licht bricht sich in den riesigen Bäumen und Farnwedeln und erzeugt eine Szenerie, in der man jeden Moment ein glitzerndes Einhorn oder einen Hobbit vermutet. Und am Ende des Weges – wie soll es anders sein – wartet ein Wasserfall mit Badebecken.
Dann ging es zwischendrin bei strahlendem Wetter zum Taylor’s Mistake Beach – auch sehr schön (siehe Bilder!). Der Name kommt von einem Kapitän Taylor, der sich hier im 19. Jahrhundert verfahren hat und mit seinem Schiff in die Bucht geriet – also ein „Taylor’s Mistake“ im wörtlichen Sinne – lange bevor Taylor Swift überhaupt geboren wurde 😉. Beindruckend bei Ebbe sind die vielen schwarzen Muscheln and den Felsen, groß und klein – und wir fragten uns, ob man die wohl abmachen und essen könnte.
Und letzte Woche waren wir am Castle Hill, laut dem Dalai Lama einer der spirituellsten Orte der Welt. Wir haben philosophiert, was Spiritualität eigentlich ausmacht – wahrscheinlich diese Mischung aus uralter Geologie und Stille, die einen kurz den Kopf ausschalten lässt. Ich war dankbar, solche Menschen um mich herum zu haben: mein Mann, Physiker, und unser neuer Bekannter aus Schwaben, Software-Ingenieur – beide mit Berufen, in denen man normalerweise alles an Fakten festmacht, und trotzdem offen genug, um sich auf etwas einzulassen, das sich vielleicht nicht so einfach erklären lässt.
Ich hab beim Hinwandern noch gescherzt: „Stell dir vor, wir könnten wie bei Outlander – ja, diese Serie über Zeitreisen ins 18. Jahrhundert – einfach durch die Steine in die Vergangenheit hopsen!“
Also haben wir uns ohne Edelsteine mitten zwischen die Giganten gestellt und tief in uns hineingefühlt.
„Spürst du was?“ – „Nö, du?“ – „Auch nicht.“ Lach.
Aber dann: Auf dem Rückweg hielten wir in Christchurch am Supermarkt. Wir schlenderten am Zeitschriftenregal vorbei, und mein Blick blieb an David Bowie hängen. Er prangte riesig auf einem Cover mit einer Schlagzeile, die so aktuell wirkte, als wäre er gerade auf Welttournee. Ich zu Thomas: „Komisch, ist der nicht schon ewig tot?“ Thomas zückte das Handy, Google sagte: Ja, gestorben 2016. Zwei Meter weiter: Eine andere Zeitschrift, auf der Prince uns entgegenstrahlte – ebenfalls mit einer fetten Headline die aktuell wirkte. Thomas sah mich an, diesmal ohne Google: „Der ist auch 2016 gestorben. Das weiß ich sicher.“ Zwischen Klatschmagazinen und Jagd-Zeitschriften, sahen wir uns an und fingen gleichzeitig an zu grinsen: „Vergiss die Edelsteine – wir sind heute Mittag am Castle Hill tatsächlich durch die Steine in die Vergangenheit gewandert!“
Auf der Heimfahrt lief im Radio „One Night in Bangkok“. Seit Silvester dort nehme ich den Song das erste Mal aktiv wahr – wie ein 4D-Flashback – die Düfte der Straßenküchen, die tausend Lichter, das Chaos und die untergehende Sonne über Bangkok’s Fluss – alles kommt mir wieder in den Sinn, während ich den Refrain mitsinge, im Takt auf das Lenkrad trommle und gegen die Abendsonne mit Thomas und den Kids heim fahre.
Englischtest
Für den nächsten Visumschritt mussten wir offiziell nachweisen, dass wir Englisch in allen Disziplinen beherrschen – sprechen, hören, lesen, schreiben. Und zwar persönlich vor Ort, unter strenger Aufsicht.
Thomas ist grundsätzlich der Bessere in Englisch und hatte schon ein halbes Jahr zuvor für den ersten Online-Test in Deutschland fleißig gelernt. Entsprechend solide und gewissenhaft ging er auch diesmal an die Sache heran.
Ich hingegen hatte nur eine gute Woche und setzte auf eine deutlich kompaktere Vorbereitung und hoffte insgeheim einfach, nicht komplett unterzugehen. Mein Ansatz: weniger Grammatik-Feinschliff, mehr ein Gespür dafür entwickeln, was die Prüfung an welcher Stelle hören möchte – also die hohe Kunst, das Spiel richtig zu spielen.
Das Ergebnis war dann überraschend souverän: nahezu identische Punktzahlen, fast schon „Native Speaker“-Niveau. Ob das nun für unsere Sprachkompetenz spricht oder dafür, dass wir das Prüfungssystem sehr ordentlich durchschaut haben, lassen wir mal offen 😉
Die Kunst der Rekrutierung oder: die Welt ist klein!
Wir hatten den Kids ja einen klaren Auftrag gegeben: „Ihr geht da nicht zum Vergnügen in die Schule, ihr seid unsere Spezialeinheit für die Eltern-Akquise!“ 😉
Und siehe da: Ferdinand hat geliefert! Über den Stammtisch der Deutschsprachigen in Christchurch haben wir Tobi aus Österreich kennengelernt. Er hat uns prompt zum Essen eingeladen, wo wir seine Familie und deren Freunde, eine schwäbische Familie mit Sohn trafen. Die Jungs haben sich beim Muschelessen (ja, die vom Strand – essbar und lecker!) so gut verstanden, dass daraus direkt unsere gemeinsame Castle-Hill-Wanderung entstand. Rekrutierung erfolgreich abgeschlossen!
Thomas ist jetzt auch im „Networking-Fieber“. Er war mit dem Schwaben (nennen wir ihn S1) und einem weiteren Bekannten, Alex (ebenfalls Schwabe, S2), auf einer Mountainbike-Tour. Thomas hat mir danach schmunzelnd erzählt, wie sich die Annäherung der beiden „Ländle-Export-Hits“ anhörte:
S1: „Ond, wo genau aus Schwaben kommsch du her?“
S2: „Ach, des kleine Dorf kennsch du eh ned. Isch bei Rottweil.“
S1 (bohrt nach): „Jetzt sag halt, vielleicht kenn ich’s ja doch!“
S2: „Dorf XY.“
S1 (fällt fast vom Rad): „Etz hör aber auf! Du bisch ja aus’m Nachbardorf!“
Tja, da wanderst du ans andere Ende der Welt, nur um festzustellen, dass dein neuer Bike-Kumpel – der noch dazu in der gleichen Siedlung in Neuseeland wohnt – theoretisch früher bei dir über den Gartenzaun hätte spucken können. Die Welt ist nicht nur klein, sie ist im Grunde ein schwäbisches Dorf.
Mission Lego: Die Spezialeinheit Opa und Oma schlägt zu
Mitte Februar war Ferdinands Geburtstag – und er hatte einen klaren Plan: Mit dem Weihnachtsgeld (damals gab’s ja keine Geschenke, weil wir nur mit Koffern unterwegs waren) plus dem Geburtstagsgeld sollte endlich der riesige Liebherr-Lego-Bagger her.
Nach einer weltweiten Ebay- und TradeMe-Recherche und mit Hilfe seines Logistikberaters Thomas stand der Schlachtplan: Nach allen Berechnungen war der Bagger aus Deutschland am besten, selbst mit den Versandkosten. Schwieriger als der Preis war das Gewicht: Über 5 kg! Also wurden die Pakete clever aufgeteilt – ein 5 kg-Paket, ein 2 kg-Paket, die dicken Bauanleitungen flogen raus, denn die gibt’s online.
Jetzt brauchte es nur noch die „Spezialeinheit“ Opa und Oma – und die hatten ordentlich zu tun: Bagger teilweise zerlegen, Anleitungen rausnehmen, zwei Sachen, die ich aus Deutschland noch brauchte, dazu packen, das Logistiketikett von Thomas draufkleben – ein richtiges Umpack-Abenteuer. Bestellung abgeschickt, 1,5 Wochen später ist Ferdinand nun im siebten Lego-Himmel und wir sehen ihn nur noch zum Abendessen…
Diesen Samstag feierte ich meinen ersten Geburtstag auf der Südhalbkugel. Die richtige Party mit Freunden folgt allerdings erst Ende März, sobald wir in unser Mietshaus umgezogen sind – dort haben wir einfach mehr Platz. Zudem hat uns unser früherer Airbnb-Vermieter Darren am selben Tag zu seiner eigenen Geburtstags- und Einweihungsfeier eingeladen. Ein schöner Nebeneffekt: Ferdinand und ich feiern nun im strahlenden Sommer statt im grauen, schlammigen Februar. Auch Marie, unser kleiner ‚Grottenolm‘, freut sich über ihren neuen Termin im späten Herbst. Nur Thomas hadert noch ein wenig mit dem Wechsel: Statt Gartenpartys im Sommer erwartet ihn Ende Juli nun ein Geburtstag mitten im neuseeländischen Winter.
Alles in allem: Es läuft am anderen Ende der Welt. Wir vermissen unsere Familie und Freunde daheim natürlich sehr, aber dank WhatsApp ist die Entfernung erträglicher. Gestern z.Bsp. ist Ferdinand beim Spaziergang ein Zwergpudel nachgelaufen, der exakt wie der Pudel seines besten Freundes und Nachbarn in Deutschland aussah. Ich schickte der Nachbarin ein Foto von Ferdinand mit dem Hund: „Falls du Sammy suchst – er ist hier bei uns!“ Das Beste: Die echte Besitzerin rief den Hund tatsächlich mit „Sammy!“. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde…
Bis bald, wir halten euch auf dem Laufenden!
P.S.: Ein kleiner Tipp für alle die mal das Land verlassen wollen: Zwischendurch flattert natürlich immer mal wieder eine vergessene Rechnung aus Deutschland rein. Mein ultimativer Rat für alle, die das auch planen: Hört euch vorher „MFG“ von den Fantastischen Vier an. Geht jede einzelne Abkürzung im Text durch – dann seid ihr gut vorbereitet und denkt auch daran, die GEZ zu kündigen 😉
Ich habe soeben die Kommentarfunktion freigeschaltet. Jedes konstruktive Feedback, ob zustimmend oder kritisch, ist herzlich willkommen.
I have just enabled the comment section. Any constructive feedback—whether supportive or critical—is very welcome.
Dies ist ein Test, da Thomas gerade die Kommentarfunktion überarbeitet hat. Der Blog gefällt mir 😉
Name (welcher auch immer) wird veröffentlicht, alles andere nicht.
Ich begleite euch gerne, denn vorbeikommen werde ich nicht!
Liebe Grüße an Euch 4
Heidi 👍
…sehr schön wie ihr das alles macht – und danke, dass wir ein wenig dabei sein dürfen 🙂
Total schön und interessant was ihr „4 Kiwis“ bis jetzt schon alles erlebt habt 👍 haltet uns weiterhin so informativ mit euren Erzählungen und Erlebnissen auf dem Laufenden.