…vor allem für die Omas und Opas und weil im Flieger viel Zeit zum Schreiben war 😉
Unser Aufenthalt in Bangkok war kein klassischer Urlaub, sondern ein Stopover auf unserem Weg nach Christchurch in Neuseeland, wo wir mit Studenten- bzw. Partnervisum einreisen. Wir hätten auch über andere große Städte fliegen können, doch wir haben uns ganz bewusst für Bangkok entschieden – gerade weil diese Stadt so anders ist. Anders als alles, was Marie und Ferdinand bisher kannten, und anders als die Orte, an denen wir sonst mit ihnen unterwegs waren.
Bisher bestanden unsere Reisen mit den Kindern aus wunderschönen, aber sehr vertrauten Zielen: Gardasee zu Pfingsten mit zB. Eintagestrip nach Venedig, Sommer in Kroatien oder Sardinien als Highlight 2024. Die Kinder haben also noch nicht allzu viel von der Welt gesehen, vor allem nicht von anderen Kulturen. Und genau das wollten wir ändern. Bangkok sollte ein neues Erlebnis sein.
Los ging es am Münchner Flughafen – mit acht Koffern und vier Rucksäcken. Ein riesiger Haufen Gepäck, schließlich ist darin alles verstaut, was wir bis Anfang März brauchen, bis unser Container in Christchurch ankommt. Zum Glück ist in Neuseeland Sommer, sodass wir viele leichte Kleidungsstücke einpacken konnten. Unabhängig von der Jahreszeit ist allerdings das Spielzeug. Bei Ferdinand nahm Lego fast die Hälfte des Koffers ein, allen voran ein Flugzeug, das er von Mario zum Abschied geschenkt bekommen hatte und auf das er sich schon riesig freute, in Neuseeland aufzubauen zu können.
Nach sechs Stunden Flug folgte der Umstieg in Muskat im Oman. Laut Internet eine sehr schöne Stadt – wir kennen allerdings nur den Flughafen, in dem wir zwei Stunden verbrachten, bevor es weiterging.
Abends kamen wir schließlich in Bangkok an. Schon der erste Eindruck war überwältigend. Unser Boutique-Hotel lag mitten in Chinatown, die Rezeption erreichbar über eine rote Holzbrücke über einen kleinen Koi-Teich. In der Lobby stand ein großer, geschmückter Christbaum, die Zimmer waren ausgestattet mit dunklen Holzmöbeln, großen Himmelbetten und roten chinesischen Schränken. Für uns ungewohnter Luxus im Urlaub – denn bisher waren wir mit den Kindern fast immer in Ferienwohnungen oder AirBnBs untergebracht, meist mit Selbstverpflegung.
Obwohl wir müde waren – im Flieger war an Schlaf kaum zu denken, nicht zuletzt wegen des riesigen Filmangebots auf den eigenen Bildschirmen – wollten wir vor dem Zubettgehen noch etwas essen gehen. Also hinaus in die Straßen von Chinatown.
Oder besser gesagt: hinaus ins Chaos. Leuchtende, bunte Reklameschilder überall, Menschen aus aller Herren Länder, tausend Gerüche gleichzeitig. Klappernde Töpfe, dampfende Dumplings, brutzelndes Fleisch, Fisch. Dazu Autos, Roller, Tuk-Tuks – alles gleichzeitig, alles in Bewegung. Die Kinder waren überwältigt und staunten. Gleichzeitig mussten wir aufpassen, nicht in Pfützen zu treten (Fischkochwasser?), nicht über abgebrochene Bordsteine zu stolpern oder an rostigen Drähten hängen zu bleiben – und dabei bitte auch nicht vor ein Fahrzeug zu laufen. Und ganz nebenbei versuchten wir herauszufinden, was wir eigentlich essen wollten.
Die Auswahl war riesig. Vieles sah unglaublich lecker aus, anderes eher skurril – zumindest für uns Europäer: Schweineohren, Hühnerfüße, Skorpione. Und dann war da noch die Durian. Diese Frucht „duftet“ in Bangkok an jeder Ecke. Auch wenn es uns Überwindung kostete, probierten wir sie. Und stellten überrascht fest, dass die nach „Kacke“ riechende Frucht gar nicht so schlecht schmeckt: cremig, fruchtig, irgendwie zwischen Vanillepudding, Mango und Limburger Käse.
Ein paar Straßen weiter ließen wir uns schließlich nieder und aßen chinesisch – einen Meter neben uns der Verkehr. Aber wir hatten uns schon eingegroovt. Die Kinder bewegten sich nach kurzer Zeit ganz selbstverständlich durchs Gedränge und merkten schnell, dass trotz des scheinbaren Chaos jeder auf jeden acht gibt. Man muss nur wissen, was man will – langes Zögern verwirrt eher. Und so fühlte sich das Essen mitten im Getümmel sehr schnell richtiger an als in einem ruhigen, abgeschlossenen Restaurant.
Wir bestellten viele kleine Gerichte – Gemüse, Fleisch, Fisch, Hühnchen – und Ferdinand entschied sich ganz selbstverständlich für eine Schweinshaxe (jetzt schon 😉 ?) mit chinesischer Soße. Dazu eisgekühltes Kokoswasser aus der Kokosnuss. Die Kinder fragten vorsichtig, ob es in Neuseeland auch Städte gibt wie hier in Bangkok. Wir erklärten, dass Christchurch ganz anders ist: ruhiger, grüner, mit viel weniger Menschen. Die Erleichterung war spürbar. Bangkok fanden sie spannend und interessant – aber hier leben? Nein. Als Marie meinte, es sei ja schließlich unser Job als Erwachsene, für unser großes Abenteuer einen Ort auszuwählen, an dem es ihnen zum Leben gefällt, wurde uns wieder einmal bewusst, wie Kinder solche Entscheidungen wahrnehmen und uns vertrauen.
Goldene Tempel und Buddhas
Am nächsten Morgen wartete das Frühstücksbuffet. Ich hatte eigentlich keine Erwartungen – ich hatte auf meinen Dienstreisen schon viele Hotelfrühstücke erlebt. Doch dieses Buffet überraschte mich. Eine tolle Mischung aus asiatisch und europäisch, alles von hoher Qualität, dazu ein sehr schönes Interieur. Was mich jedoch am meisten überraschte, war Ferdinand. Mit strahlenden Augen nahm er mich bei der Hand und sagte: „Mama, ich muss dir alles zeigen!“ Omelette nach Wunsch, frische Waffeln, Speck, Würstchen, Müsli, Obst. Gemüse kommentierte er mit einer lässigen Handbewegung und den Worten: „Hab ich nicht genommen.“ Als wir schließlich alle am Tisch saßen, grinsten Thomas und ich uns an – bis Thomas meinte: „Schau mal unter den Tisch, Ferdinand hat nur Socken an.“ Vor lauter Begeisterung hatte er die Schuhe vergessen. Diese Frühstücksfreude begleitete uns jeden einzelnen Tag.
Dienstag ging es mit dem Boot zur Tempelanlage Wat Arun – bei voller Hitze. Tausende Besucher, die meisten mit Selfiesticks bewaffnet, alles filmend. Viele davon in geliehenen Hochzeitsgewändern, teils mit eigenen Fotografen. Pose hier, Pose da – Posen, auf die ich selbst nie gekommen wäre. Man hatte das Gefühl, dass dem Treiben monatelanges YouTube-Schauen vorausgegangen war, um hier die perfekten Fotos zu machen. Es war voll, heiß und überall roch es nach Durian. Die Laune sank – bei den Kindern und auch bei mir. So golden der Tempel auch glitzerte, wir brauchten dringend einen Rückzugsort. Ein Café, ruhig, mit Aussicht, am besten mit Eiskaffee. Und tatsächlich fanden wir eines. Von dort aus blickten wir auf Wat Arun, saßen mit wenigen anderen Gästen da und genossen unseren Iced Coffee Latte. In diesem Moment war Bangkok plötzlich wieder wunderschön.
Gestärkt ging es am Nachmittag – bei milderer Sonne – in die nächste Tempelanlage: Wat Poh. Vorbei am riesigen liegenden Buddha schoben wir uns mit tausend anderen Besuchern, doch in den hinteren Bereichen der Tempelanlage wurde es ruhiger. Statt lauter Gebete aus Lautsprechern hörten wir sanfte Instrumentalmusik. Die untergehende Sonne tauchte alles in warmes Licht, Mönche knoteten Seile für eine bevorstehende Zeremonie. Diese Stimmung verzauberte uns. Überall goldene Buddhas, dazwischen gusseiserne Figuren in Yogaposen. Wir machten uns den Spaß, die Stellungen nachzustellen und uns gegenseitig zu fotografieren. Neben uns posierte ein chinesisches Paar in geliehenen Hochzeitsklamotten. Knips, Pose, knips. Als sie uns sahen, wie wir uns lachend zum Affen machten, mussten wir alle lachen – vielleicht über uns selbst, vielleicht auch über die Absurdität der Situation.
Natürlich durfte auch eine Fahrt mit dem Tuk-Tuk nicht fehlen. Anfangs hatten wir ein mulmiges Gefühl: kein Anschnallen, offenes Gefährt, der Fahrer recht flott unterwegs. Doch wir sagten uns: no risk, no fun. Und höchstwahrscheinlich ist es sicherer als wenn man mit einem Tuk-Tuk in Deutschland bei weniger Verkehr fahren würde – gerade weil hier in Bangkok weniger starre Regeln gelten und deshalb jeder mehr auf den anderen achtet – kein Hupen, keine Aggressionen – alles fließt. Den Abend ließen wir dann in der Red Sky Bar, 235 Meter über der Stadt, ausklingen.
Silvester in Bangkok – Umwege, schräge Bar und Neujahrsvorsatz
Am Silvestertag waren wir uns mittags relativ schnell einig: Den Jahreswechsel wollten wir am Wasser verbringen. Dort sollte das Feuerwerk am besten sichtbar sein, dort fanden auch die großen Shows statt. Der Plan klang gut – bis wir genauer hinsahen. Die Anbindung mit U-Bahn war schlecht, ein Taxi oder TukTuk für den Rückweg an Silvester schied aus, und zu Fuß wäre es schlicht zu weit gewesen. Also Plan B. Oder besser gesagt: ein kompletter Strategiewechsel.
Spontan entstand die Idee, eine Rooftopbar zu suchen. Hoch hinaus, Überblick behalten, später einfach zu Fuß ins Hotel zurückgehen können – das klang plötzlich sehr vernünftig. Also Google angeworfen, ein bisschen recherchiert und tatsächlich eine Bar gefunden, die genau das versprach: gut versteckt, nicht allzu bekannt, mit Blick über die Stadt und auf gleich zwei der großen Silvester-Hotspots. Wir machten uns auf den Weg und reservierten vor Ort – gegen ein kleines, für thailändische Verhältnisse durchaus stattliches „europäisches Obolus“, der sich später aber als gut investiert herausstellen sollte.
Am Abend schlenderten wir zunächst durch die Gassen von Chinatown und aßen in einem kleinen, feinen Restaurant. Damit Ferdinand den Abend auch wirklich durchhielt, bekam er einen Iced Chai Latte – eine Entscheidung, die sich als äußerst wirkungsvoll herausstellte. Danach waren wir alle vier kurzentschlossen noch bei einer Fußmassage, nebeneinander sitzend, während draußen der Silvestertrubel langsam Fahrt aufnahm. Ein perfekter Moment zum Durchatmen, bevor es weiterging.
Gegen 22 Uhr machten wir uns schließlich auf den Weg zur Rooftopbar. Das Gebäude, in dem sie sich befand, wirkte von außen eher unscheinbar, fast ein wenig schäbig. Vermutlich war es früher einmal ein Parkhaus. Erst beim genaueren Hinsehen erkannte man, dass sich an der Außenseite des Gebäudes – dort, wo früher die Auffahrt für Autos verlief – die Bar befand. Und genau das machte ihren Charme aus: eine im wahrsten Sinne des Wortes schräge Bar.
Wir folgten der Rampe nach oben und traten in einen offenen Raum mit riesigen, nicht verglasten Fensterfronten. Keine Scheiben, nichts trennte uns von der warmen Nachtluft. Der Blick über Bangkok war atemberaubend: ein Lichtermeer bis zum Horizont, dazwischen die beiden zentralen Punkte, an denen später das Feuerwerk gezündet werden sollte. In unserem Reservierungs-Obolus waren drei Cocktails pro Person enthalten – ein Detail, das den Start in den Abend zusätzlich versüßte.
Die Stimmung war entspannt, erwartungsvoll, international. Menschen aus aller Welt, gute Musik, die warme Luft, die Geräusche der Stadt unter uns. Kurz vor Mitternacht begann eine beeindruckende Drohnenshow. Tausende Drohnen formierten sich zu leuchtenden Bildern am Himmel – präzise, ruhig, fast meditativ im Vergleich zu dem, was danach kommen sollte.
Punkt Mitternacht explodierte die Stadt. Feuerwerk überall, über der ganzen Neun-Millionen-Stadt. Farben, Lichter, Jubel. Und während wir dort standen, mit Cocktailgläsern in der Hand, umgeben von fröhlichen Menschen, kam dieses Gefühl wieder hoch, das mich die letzten Tage immer wieder begleitet hatte: der Abschied von Familie und Freunden, die Unsicherheit, ob alles so klappen würde, wie wir es uns erhoffen, und gleichzeitig diese tiefe Hoffnung, dass unser Plan aufgeht.
Thomas sah meinen Blick sofort. Er zog mich an sich und flüsterte mir ins Ohr: „Das wird schon – gemeinsam schaffen wir das.“ Ganz im Stil von Bob dem Baumeister: Schaffen wir das? Jo, wir schaffen das.
Kuss, Umarmung, das Klirren der Cocktailgläser. Um uns herum Lichter, Musik, Lachen. Und unter uns eine Stadt, die in dieser Nacht komplett stillzustehen schien – verstopft, überfüllt, aber voller Energie. Ein gutes Gefühl, später einfach zu Fuß ins Hotel zurückgehen zu können. Im Bett, noch ganz erfüllt von der Nacht, entstand dann unser vielleicht ungewöhnlichster Neujahrsvorsatz – irgendwo zwischen Cocktaillaune und Heimweh nach der bayerischen Heimat: Wir legen 2026 den Grundstein dafür, das Wort „fei“ in Neuseeland zu etablieren. Thomas bestand darauf, dass das Ziel messbar sein müsse. Also einigten wir uns darauf, dass „fei“ in spätestens zehn Jahren im neuseeländischen Duden stehen sollte 😊
Neujahr begann mit einem Frühstück, zu dem es dieses mal Glückskekse mit für uns sehr positiven Nachrichten gab. Anschließend waren wir viel mit dem Boot unterwegs, besuchten den Lumphini-Park und ließen den Abend schließlich auf der legendären Khao San Road ausklingen. Marie war hungrig, also gingen wir in die erste größere Bar mit Essensangebot. Wie sich später herausstellte, hatten wir unbewusst die beste Bar am Platz erwischt – vor allem wegen der „Frauen“, die dort arbeiteten. Im Laufe des Abends begannen sie, tanzend vor der Bar Werbung zu machen, zogen Gäste an und animierten schließlich auch Marie und mich zum Mittanzen. Die Stimmung war ausgelassen, herzlich und ansteckend. Ferdinand zeigte zunächst wenig Interesse an den hübschen, leicht bekleideten Tänzerinnen. Erst als wir ihn darauf aufmerksam machten, dass von den fünf Frauen vermutlich mindestens drei Männer waren, schaute er plötzlich sehr genau hin. Danach zogen wir weiter durch die Straße – bunt, laut, schräg, faszinierend.
Am Insektenstand standen wir dann vor der großen Frage, ob wir uns wirklich trauen würden, Larven, Mehlwürmer, Frösche und Heuschrecken zu probieren. Thomas ging mutig voran, ich folgte mit einer Heuschrecke – beim Frosch war für mich allerdings endgültig Schluss. Das konnte ich einfach nicht essen. Dann kam Ferdinand. Völlig unbeeindruckt. Er aß das Zeug einfach so und grinste dabei übers ganze Gesicht. Ganz selbstverständlich meinte er, das sei ein superleckeres Knabberzeug – besser als Chips und obendrein auch noch gesünder. Mein Sohnemann. Und damit nicht genug: Auch an den Frosch wagte er sich. Sehr analytisch kommentierte er jeden einzelnen Schritt:
„Hm, also das Bein ist gut – voll knackig. Jetzt der Bauch – hm, auch gut. Vorm Kopf hab ich Angst… eine Sekunde… hamm – ab in den Mund… hm, der ist auch voll lecker!“
Breit grinsend, versteht sich. Am Ende holte sich Ferdinand sogar eine eigene Schüssel, nur mit Fröschen und Heuschrecken, und verputzte sie genüsslich. Ein Thai stand daneben, beobachtete die Szene und grinste über beide Ohren. Wahrscheinlich dachte er sich etwas in der Art von: lustiges Langnasenkind mit erstaunlich gutem Geschmack 😉 Seitdem heißt es bei uns nur noch: FFF – Ferdinand Frosch Fresser.
Am Freitag hieß es Abschied nehmen. Noch einmal Frühstück, Koffer packen, dann mit einem goldenen Großraumtaxi – inklusive Karaoke-Anlage – zum Flughafen. Dort ein letztes Foto mit dem König im Hintergrund, dann ab in den Flieger Richtung Sydney. Neun Stunden Flug. Marie‘s Kommentar: „Uiii – wieder essen vorm Fernseher.“
Bangkok war laut, chaotisch, anstrengend und faszinierend zugleich. Aber vor allem war es ein Geschenk: die Welt noch einmal neu zu sehen – durch Kinderaugen. Und genau dafür war dieser Zwischenstopp perfekt.