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Entscheidungsfindung – zwischen Verstand und Gefühl

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Entscheidungsfindung – zwischen Verstand und Gefühl

Vor etwa eineinhalb Jahren haben wir begonnen, uns eine Frage zu stellen, die auf den ersten Blick ganz harmlos klingt – und doch unser ganzes Leben ins Wanken gebracht hat: Wie sollen unsere nächsten Jahre aussehen?

Unsere Ausgangssituation war – und ist eigentlich bis heute – nicht ganz gewöhnlich. Wir sind eine achtköpfige Patchworkfamilie und leben auf zwei Häuser verteilt, rund 60 Kilometer voneinander entfernt. Thomas in seinem Traumhaus, ich in meinem. Über Jahre hinweg sind wir gependelt, haben unzählige Kilometer auf der Straße verbracht und versucht, zwei Lebensmittelpunkte irgendwie zu einem zu machen. Immer wieder standen dieselben Optionen im Raum: Ziehe ich zu Thomas? Zieht er zu mir? Verkaufen wir beide Häuser und bauen oder suchen ein drittes, das für uns alle passt? Keine dieser Lösungen fühlte sich wirklich richtig an.

Wir arbeiten beide in der Automobilindustrie – einer Branche, von der wohl niemand mehr behaupten würde, sie gehe sorglosen Zeiten entgegen. Also dachten wir weiter: Wäre es nicht klug, wenn zumindest einer von uns sich in eine andere Branche orientiert, um das Risiko etwas zu streuen?

Und dann war da noch ein großer Traum. Thomas wollte schon immer für längere Zeit ins Ausland. Raus aus dem Gewohnten. Raus aus dem Mainstream. Ein echtes Abenteuer, das den Horizont erweitert.

All diese Gedanken führten uns irgendwann zu einem gemeinsamen Nenner: Eine Zeit im Ausland könnte ein verdammt guter nächster Schritt sein.

Die Frage nach dem Ob war damit aber noch lange nicht beantwortet. Und dann war da noch die Frage nach dem Wohin. Diese Diskussion dauerte – ungelogen – etwa fünf Minuten. Beeindruckende Natur, gutes Klima, europäisch geprägt, aber eben nicht Europa, und englischsprachig. Die Antwort hieß ziemlich schnell: Neuseeland.

Also beschlossen wir, unsere Hochzeitsreise im Januar dieses Jahres nach Neuseeland zu machen – mit offenen Augen und offenem Herzen. Wir wollten sehen, ob es sich richtig anfühlt. Und wenn ja, wo genau. Am Ende gefiel es uns in Christchurch am besten, wegen der schönen Stadt mit vielen Parks, der Nähe zu den Bergen und den Stränden und auch weil es bei uns leichte München-Vibes ausgelöst hat.

Von Mitte 2024 bis Mitte 2025 haben wir alles auf links gedreht. Bücher gelesen, mit einem Berater gesprochen, mit Menschen, die länger als nur einen Urlaub im Ausland gelebt haben – und mit solchen, bei denen es nicht funktioniert hat. Wir haben über Risiken gesprochen, über Stolpersteine, über Ängste. Zum Beispiel darüber, wie schwierig es wohl sein würde, neue Freunde zu finden. In Deutschland ergeben sich viele Kontakte über die Kinder – aber Marie und Ferdinand sind längst nicht mehr so klein, dass man automatisch andere Mamas und Papas auf dem Spielplatz kennenlernt. Auf unserer Reise haben wir allerdings gespürt: Das sollte für uns machbar sein. Zurück in Deutschland begann dann die wohl intensivste Phase, denn wir merkten, dass wir langsam zu einer Entscheidung kommen müssen.

Und trotzdem: Eine Entscheidung wächst nicht linear. Es gibt Tage, da denkt man „Klar, wir machen das.“ Und am nächsten Tag fühlt es sich völlig absurd an. Wie soll man ohne Familie und Freunde leben? Das ist doch viel zu schwer.

Ausserdem haben wir aktuell richtig gute Jobs. Jobs, die uns erfüllen, mit spannenden Aufgaben, viel Gestaltungsspielraum – und vor allem mit großartigen Kolleginnen und Kollegen. Menschen, mit denen man nicht nur „arbeitet“, sondern lacht, diskutiert, sich gegenseitig unterstützt. Über die Jahre sind viele davon zu Freunden geworden. Wir haben beide ein riesiges Netzwerk, man kennt sich, vertraut sich – und viele Dinge funktionieren genau deshalb so reibungslos.

Als wir im Frühjahr kurz davor waren, einen Rückzieher zu machen, kam Marie zu uns und sagte sinngemäß: Das könnten wir doch jetzt nicht einfach lassen. Sie freue sich schon auf die Schuluniform, auf Englisch – und sie wolle doch unbedingt ein kleines Ruderboot. In solchen Momenten merkt man, wie sehr sich diese Idee längst in alle Herzen geschlichen hatte.

Mitte des Jahres war dann unser selbst gesetztes Entscheidungs-Due-Date. Kein weiteres Abwägen. Keine Excel-Listen mehr. Es musste eine Bauchentscheidung sein. Und unser Bauch sagte: Wenn wir es jetzt nicht machen – in diesem einzigen Zeitfenster, in dem seine Kinder alt genug und meine noch jung genug sind – dann könnten wir das irgendwann bereuen. Und: So ein Aufenthalt im Ausland ist in jedem Fall eine enorme Horizonterweiterung. Nicht zuletzt auch für unsere Englischkenntnisse 😉

Gleichzeitig wissen wir sehr genau, was wir zurücklassen. Sehr belastend kommt dazu, dass Thomas‘ Kinder von der Idee nicht begeistert sind. Sie stecken mitten in ihrer Ausbildung und wollen diese zu Ende bringen. Außerdem haben sie ihre Mutter in Neumarkt und alle haben sehr gute Freunde, ohne die sie nicht leben möchten.

Wir haben gerade ein unglaublich stabiles und liebevolles Umfeld. Tolle Freunde für alle Lebenslagen. Große Familien auf beiden Seiten, die zusammenhalten, sich oft sehen und sich wirklich mögen – das ist keine Selbstverständlichkeit. Ich sehe meine Eltern mindestens einmal pro Woche, meine Mama und ich telefonieren ständig. Meine Kinder machen mittlerweile Witze: „Kennst du den? Mama telefoniert nur gaaanz k-u-r-z mit Oma…“.

Oder wenn ich an laue Sommerabende denke, dann sehe ich mich mit meinem Papa auf dem Balkon sitzen, während wir über das Leben philosophieren und unsere besondere Nähe spürbar wird.

Und die unzähligen schönen Abende mit meinen Geschwistern – ob zusammen übers Wochenende auf einer Hütte mit gaaanz viel selbstgebackenem Stollen von Mama und mehreren Runden Kniffel – oder einfach nur auf ein spontanes Treffen auf der heimischen Terrasse.

Mit meinen Tanten und allen weiblichen Verwandten über 18 gibt es seit rund 15 Jahren unseren legendären „Piri-Piri-Abend“ – benannt nach einem damals verkauften Fruchtsekt. Jede bringt etwas zu essen mit, und der Rest ist ein sehr feucht-fröhlicher Abend voller Sekt, Cocktails und Lachtränen. Während ich das hier schreibe, kommen mir tatsächlich (schon wieder) die Tränen.

Dazu kommen Familienrituale wie die große Osterwanderung bei uns – mit Anhang, Kindern und Kindeskindern – oder das herbstliche Familientreffen in Thomas’ Familie. Oder auch Wandern, Brunchen, Klettern, Pizza im Ristorante „Di Mario“, sowie das gemeinsame „Kerzenständerbasteln 😉“ oder das Begehen von Mikroabenteuern mit Freunden. All das lassen wir zurück.

Und trotzdem wollen wir für längere Zeit nach Neuseeland zu gehen.

Das wird hart. Sehr hart. Das ist uns vollkommen bewusst. Aber wir haben uns auch gesagt: Man darf Entscheidungen korrigieren. Wir können jederzeit zurückkommen, abbrechen, neu sortieren. Wir hoffen sehr, dass der Kontakt zur Familie –  allen voran zu Thomas’ großen Kindern und besten Freunden – zumindest virtuell bestehen bleibt. Zum Glück leben wir nicht mehr in einer Zeit, in der ein Telefonat unbezahlbar war und mit Rauschen und Knacksen in der Leitung verbunden war. Heute gibt es WhatsApp, Videotelefonie – und Nähe auf eine andere Art.

Natürlich wird die Zeitverschiebung (aktuell zehn Stunden) eine Rolle spielen. Aber dann sieht das Treffen mit der Freundin vielleicht so aus: Sie sitzt abends im deutschen Sommer auf dem Balkon mit einem Aperol Spritz, und ich trinke morgens meinen Kaffee im neuseeländischen Winter in der Küche.

Machen wir uns nichts vor: Der Kontakt wird nicht derselbe bleiben. Er wird spärlicher werden. Und das schmerzt. Sehr. Aber manchmal bedeutet Wachstum eben auch, etwas Liebgewonnenes loszulassen – zumindest für eine Zeit. Und genau an diesem Punkt stehen wir jetzt.